Mutmaßungen über das Kino der Zukunft: Neues von Antonioni, Malle, Cassavetes und Angelopoulos

Von Hans C. Blumenberg

Öfter als noch vor ein paar Jahren ist jetzt von der Zukunft des Kinos die Rede. Die erscheint ungewisser denn je, trotz der langsam wieder gestiegenen Besucherzahlen überall auf der Welt. Das Geschäft floriert, die Zweifel bleiben. "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" hieß Alexander Kluges Film, der 1968 bei der "Mostra internazionale del cinema" von Venedig mit dem letzten "Leone d’oro di San Marco" geschmückt wurde: ein Essay über den Zirkus als Kunst und über die Kunst des Vergnügens, Es geht um einen Traum: um die Aussöhnung zwischen Ambition und Kommerz, Kopf und Bauch, Phantasie und Industrie. Im September 1980, bei der wiederauferstandenen Film-Biennale von Venedig, konnte man den Eindruck gewinnen, daß die Gräben tiefer geworden sind.

Wenn Francis Coppola von der Zukunft des Kinos spricht, meint er Video. In zehn Jahren soll kein herkömmliches Filmmaterial mehr verwendet werden, sondern Video-Bänder, sollen die alten 35-Millimeter-Kameras durch technisch vollkommene elektronische Aufnahmegeräte ersetzt worden sein, die, billiger denn je, Bilder und Töne von ungeahnter Qualität liefern können.

Wenn Coppolas Freund und gelegentlicher Geschäftspartner George Lucas von der Zukunft des Kinos spricht, meint er die 23. Fortsetzung des "Kriegs der Sterne", dessen zweiter Teil ("The Empire Strikes Back") gerade in Venedig lief: Kino als gigantischer Luna-Park, sehr laut und sehr simpel, kaum mehr als ein Betäubungsmittel.

Wenn Theo Angelopoulos, Rainer Werner Fassbinder oder Glauber Rocha von der Zukunft des Kinos reden, meinen sie Sperrgut, Selbstversuche mit ungewissem Ausgang, neue Dimensionen weniger technologischer als ästhetisch-politischer Natur. Für die Filmindustrie sind sie keine Partner (außer Fassbinder natürlich, dem Undurchsichtigen, der sich auf viele Arten des Kinos versteht). Verbündete finden sie dort, wo man eher die Vernichter des Films vermutet. In Italien gibt es praktisch keinen halbwegs anspruchsvollen Film mehr, in dessen Nachspann nicht die RAI (das staatliche italienische Fernsehen) als Co-Produzent auftaucht, in der Bundesrepublik geht fast nichts mehr ohne WDR und ZDF (um nur die beiden wichtigsten Häuser zu nennen).

Die Grenze zwischen den beiden Medien wird von Jahr zu Jahr unsichtbarer. Im Katalog der Film-Biennale taucht Fassbinders 15 und eine halbe Stunde lange Fernseh-Serie "Berlin Alexanderplatz" (die in Portionen von je zwei Folgen vorgeführt wurde) nicht etwa als "Special Television Event" auf, sondern gemeinsam mit Kino-Filmen. Daß dann in der "Salla Grande" des im wuchtigen Mussolini-Stil gebauten Festival-Palastes (Fassungsvermögen: 1500 Zuschauer) auf der Leinwand nicht mehr viel zu sehen und zu hören war, störte kaum jemanden. Fassbinders Kunst, in Venedig hingerichtet durch eine viel zu dunkle und flaue Projektion (mehr gibt das 16-Millimeter-Format des Fernsehens höchstens in einem winzigen Raum her), gehört diesmal wirklich nur auf den Bildschirm, allerdings keineswegs auf den Termin am späteren Abend, wo sie der WDR verstecken will. Alles andere ist ein ärgerlicher Etikettenschwindel.