Mit dem Welteneroberer Alexander aus Makedonien hat die Titelfigur des Films den Flügelhelm und gelegentliche epileptische Anfälle gemein. "Megalexandros" beginnt in der Silvesternacht des Jahres 1899 und erzählt eine Geschichte, die man auch in neunzig Minuten als Action-Thriller aufbereiten könnte. Der berühmte Bandit Alexandros, der sich mit den Insignien des antiken Kaisers schmückt, entführt fünf englische Griechenland-Schwärmer in ein abgelegenes Gebirgsdorf, das von einer bäuerlichen Kommune regiert wird. Dort haben auch einige italienische Anarchisten Zuflucht gefunden. Das Militär greift in die Kidnapping-Affäre ein, die mit einem Blutbad, dem Tod der Entführten und dem von Alexandras endet.

Dem Film wird eine solche Inhaltsangabe überhaupt nicht gerecht. Die gesamte Handlung vollzieht sich mit ritueller Langsamkeit, Es wird sehr wenig geredet. In Einstellungen, die bis zu zehn Minuten lang sind und aus extrem komplizierten Kamerafahrten und Schwenks bestehen, choreographiert Angelopoulos ein filmisches Ballett über Größenwahn, Isolation und Macht: Er muß seine Studie eines sich revolutionär – gebärdenden Briganten, der mehr und mehr den Kontakt zur Realität verliert, nicht mühsam verbal begründen. Durch das Arrangement der ideologisch zerfallenen Gruppe, durch die Art, wie die Kamera sich langsam von der einen entfernt, eine andere umkreist, um schließlich eine dritte zu streifen, bleiben Begriffe wie Distanz und Isolation nicht bloß Behauptungen, sondern werden zum Gegenstand des Films. Die scheinbar endlos gedehnte Zeit, in der die Kamera durch den filmischen Raum fährt, in dem nichts herrscht als spannungsgeladene Leere, ist die Zeit der Reflexion. Wenn Max Ophüls eine von Brecht bearbeitete griechische Tragödie gedreht hätte, könnte dieser Film so aussehen wie "Alexander der Große" von Theo Angelopoulos. Alles ist da: das artifizielle Kalkül eines Meisters der Kamerabewegungen, das politische Lehrstück, der mythologische Bezug zu griechischen Landschaften und Gesichtern.

"Megalexandros" war der Höhepunkt eines an Höhepunkten noch nicht sehr reichen Festivals. Aber in Venedig hat man ja auch gerade erst wieder angefangen. Und für Angelopoulos, der sein Budget vom ZDF und von der RAI bekam (und trotzdem eine Kino-Chance verdient), lohnt sich auch eine lange Reise. Einen aufregenderen Film hat es lange nicht mehr gegeben. Das Kino der Zukunft, konnte man in Venedig sehen, hat mehr Möglichkeiten, als man sich in Hollywood träumen läßt.