Früher war das Sammeln von Kristallen das Steckenpferd einiger Naturfreunde. Heute rücken moderne Beutesammler in Hundertschaften an. Gegen den Raubbau in den Alpentälern schützen sich immer mehr Gemeinden mit Gebühren und Verboten.

Der zentrale Alpenraum gilt seit jeher als klassisches Fundgebiet für seltene Mineralien. Was aus verborgenen Klüften, sogenannten Kristallkellern, zu Tage gebracht worden ist, steht in den berühmten naturhistorischen Museen von Bern, Wien, Padua oder Innsbruck. Liebevoll nannten die Kristallsammler von einst ihre gefundenen Riesenexemplare aus Rauchquarz oder Bergkristall den "Großen Karl", den "Großvater" oder den "Großen Zweispitz" – Einzelstücke mit über einem Meter Umfang.

Bis in die neueste Zeit wurden solche Quarzfunde von routinierten "Strahlern" gemacht, Leuten also, die das Kristallsammeln zu ihrem Beruf erkoren haben. Für diese war das Kristallsammeln weit mehr als ein kommerzielles Unternehmen. Ein Strahler ging in seinem Beruf auf.

Inzwischen sind Fundorte mit Klang zu Kraterlandschaften geworden. In den Alpentälern stürzen wie auf Kommandoganze Hundertschaften raffgieriger Beutesammler auf die längst schon aufgewühlten Talflanken und hacken los, als sei dort Gold in faustgroßen Stücken zu finden.

Unwissenheit gepaart mit Raffgier führt zu einer Rücksichtslosigkeit, wie sie anderswo nur auf dem "schwarzen Markt" zu beobachten ist. Denn alles, was mit dem Mineraliensammeln zusammenhängt, bedeutet inzwischen Geld, Börsenpreis. Jedes Kind fragt heute zuerst, was der Stein wert sei. Nur die Summe macht den Stein bedeutend, nicht die Fundbedingungen, nicht die Landschaft, nicht das ideelle Erlebnis.

Im Südtiroler Pfitschtal habe ich selbst beobachten können, wie die paar wenigen "klassischen" Sammler von modernen Kristallräubern verdrängt wurden. Es wurde gesprengt, belegte Klüfte wurden heimlich ausgeräumt, Gewalt wurde angewendet – wenn nicht gegen Mensch, so doch gegen Tier: Weidevieh wurde von tischgroßen Platten erschlagen, die halt von oben herabpolterten, wo gerade im, Fels gewütet wurde. Was soll’s! Die Kristalle bringen gutes Geld in Bozen oder Meran.

Früher kam ein anderer herbei, wenn man gerade Glück beim Kluftöffnen hatte, und gratulierte dem Glückspilz. Man teilte, half mit, freute sich mit.