Franz Josef Strauß, der Kanzlerkandidat der Union, hatte es bei seinem Auftritt vor den fünftausend Teilnehmern der Weltenergiekonferenz in München leichter als der Titelverteidiger Helmut Schmidt. Denn während beide Spitzenpolitiker in der Analyse weitgehend übereinstimmten und die der Weltwirtschaft drohenden Gefahren in düsteren Farben an die Wand malten, konnte Strauß daraus unbekümmert die Konsequenz ziehen. Er durfte laut sagen, was die große Mehrheit der Delegierten selbst dächte und hören wollte: Ohne konsequente Nutzung der Kernenergie besteht keine Chance, die Versorgung der Industrieländer mit Energie zu sichern, den Entwicklungsländern aus ihrer verzweifelten Lage zu helfen und die Umwelt nicht in gefährlicher Weise zu belasten.

Der Kanzler mußte da vorsichtiger sein – obwohl er insgeheim wohl der gleichen Ansicht ist wie Strauß. Seine eigene Partei ist hinsichtlich der Kernenergie gespalten. Sie bemüht sich überdies gleichermaßen um Wähler aus dem Lager der Befürworter und der Gegner der Kernenergie.

Daß rechtzeitig vor Beginn der Konferenz der Generalsekretär der Organisation Erdölexportierender Länder, René Ortiz, ein neues Opec-Preissystem angekündigt hatte, dürfte bei manchem Kernenergiegegner die Hoffnung gestärkt haben, daß die Entscheidung noch hinausgeschoben werden könne. Laut Ortiz soll in Zukunft der Ölpreis an die Preise für Industriegüter gekoppelt werden.

Ortiz dürfte bei seiner Ankündigung aber noch mehr nach New York als nach München geblickt haben. Die Preispolitik der Opec und ihre schädlichen Folgen für die Entwicklungsländer steht nämlich auch dort im Hintergrund der UN-Debatte über die Entwicklungsstrategie der achtziger Jahre – allerdings unausgesprochen. Die Opec-Länder weigern sich nämlich – in einer merkwürdigen Allianz unterstützt von den Entwicklungsländern –, eine Debatte ihrer Ölpolitik zuzulassen.

Wenn nun an die Ankündigung von Ortiz – es ist keineswegs die erste dieser Art – die Hoffnung geknüpft wird, dadurch würde irgend etwas besser, so dürfte dies ein gewaltiger Irrtum sein. Denn:

Erstens wird eine inflationäre Spirale in Gang gesetzt, wenn der Ölpreis die Inflation in den Industrieländern anheizt und steigende Preise für Industriegüter dann wieder den Vorwand liefern, den Ölpreis heraufzusetzen.

Zweitens muß man schon ungewöhnlich naiv sein, um zu glauben, daß sich die Ölländer die Gelegenheit entgehen ließen, die Preise auch außer der Reihe heraufzusetzen, sobald sich dazu eine Gelegenheit bietet. Ortiz hat dieses Hintertürchen auch weit offengelassen.