Fahrräder

/ Von Wolf gang Gehrmann

Den Kunden beschließen Zweifel am geistigen Bestzustand des Händlers. Auf seinen mit geziemender Höflichkeit vorgetragenen Wunsch, jenes Objekt dort aus dem Ladenregal zu erwerben, hatte der Handelsmann reagiert, als ob der Kaufwillige etwas durch und durch Unanständiges von ihm verlangt hätte. "Ich verkaufe nicht", hatte er unwirsch gefaucht, "ich brauche meine Sachen selbst."

Das Kleinod, das der Händler in einem Hamburger Fachgeschäft so bissig verteidigte, mag dem Unkundigen eher geringwertig und banal erscheinen: ein Fahrradlenker aus Aluminium nämlich, zum ausgewiesenen Preis von vierzehn Mark fünfzig. Doch Fahrräder und Fahrradeinzelteile waren in diesem Sommer in Deutschland so gefragt und knapp, daß turbulente Szenen in den Geschäften keine Seltenheit waren.

Wer einen neuen Drahtesel erstehen wollte, wurde mit Lieferfristen konfrontiert, die von denen eines Benz nicht weit entfernt waren. Das Frankfurter Radsport-Versandhaus Brügelmann, Einkaufsadresse für Profis und Edelamateüre, gab statt der bestellten Markenteile häufig höherwertigen Ersatz zum gleichen Preis her, um nur ja die Kundschaft nicht durch Lieferunfähigkeit zu vergraulen. Und Wolfgang Kelle vom Hamburger Radsporthaus Schätzlein & Co. haderte mit der Industrie: "Mal waren partout keine Micky-Maus-Klingeln zu haben, dann wieder fehlten Tretlager. Gegenwärtig stehen bei den Herstellern Tausende von halbfertigen Rädern herum. Sie können nicht vollendet werden, weil Dreigangnaben von Fichtel & Sachs fehlen."

Was Fahrradindustrie und -handel so hoffnungslos aus dem Tritt brachte, war ein Ausreißer in der Kaufnachfrage, den kaum jemand erwartet hatte. Fachhändler Kelle: "Das Rad war in den Augen der Wirtschaftswunderkinder doch immer das Letzte. Wer vor fünf Jahren radfuhr, hängte sich am liebsten noch ein Schild um den Hals: Ich habe auch ein Auto." Doch mit einemmal wird Radeln schick.

Ob Lust am Trimm-Dich oder Frust ob des teurer werdenden Autobenzins: In Scharen holte dieses Frühjahr das Heer der 28 Millionen deutschen Fahrradbesitzer seine im Keller vor sich hin gammelnden Stahlrösser hervor und verbreitete auf den Straßen Entsetzen unter den verbiesterten Autofahrern (siehe auch Seite 55 dieser Ausgabe). Wer kein Fahrrad hatte, kaufte sich eins. Wurden 1975 in der Bundesrepublik erst 2,9 Millionen Räder abgesetzt, so werden es in diesem Jahr weit über vier Millionen sein.