ZDF, Sonntag, 7. September: "Wider die Allmacht des Staates

Ich wende mich zu der Rede des Herrn Staatssekretärs Graf Bülow. Das war eine schöne Rede. Herr Graf von Bülow hat auch früher schon schöne Reden gehalten; er hält überhaupt nur schöne Reden! Es steigen die Gedanken hoch empor, Lichtgarben erscheinen von geistreichen und humoristischen Bemerkungen, ein prasselndes Feuerwerk! Aber schließlich fragt man sich doch: ‚Was hat er denn eigentlich gesagt?‘ So nonchalant und witzig wurde einmal in einem deutschen Parlament gesprochen; so hat im kaiserlichen Parlament ein freisinniger Liberaler geredet, Eugen Richter, dessen Name heute nur noch den Historikern von Profession vertraut ist.

Einer der größten deutschen Redner: schlichtweg vergessen – und was für ein Redner! "Herr Graf Bülow meinte, die letzten zwei Jahre hätten gezeigt, wie die Dinge im Fluß sind, dann stieg er aus den zwei Jahren in die Jahrhunderte hinab, bis ins 16. hinunter. Ich war ihm dankbar, daß er nicht noch weiter zurückging. Die Universitätsprofessoren, die für die Flotte reisen, sind schon so weit herunter, daß sie diese Flotten vorlage als notwendige Konsequenz der Völkerwanderung hinstellen. Der letzte Professor hat sie sogar in Verbindung mit den alten Römern gebracht. Ja mit der Arche Noah. Das hätte auch noch hingepaßt; bei der Sintflut konnte man erst recht sehen, was eine solche Flotte zu bedeuten hat. Was wäre aus der Welt geworden, wenn Noah keine Flotte gehabt hätte." Mit so viel Witz und Sarkasmus lehnte einst ein Liberaler im Reichstag eine vom Geiste des Imperialismus geprägte Flottenvorlage ab – ein Freisinniger, der sein Schicksal, vergessen worden zu sein, mit anderen großen deutschen Parlamentariern teilt – von Gabriel Rießer bis Paul Levi. Schlachten- und Heerführer: noch immer bekannt. Parlamentsdebatten und Redner: Peinlichkeit und Achselzucken.

Unter diesen Aspekten verdient die didaktisch geschickte, bedachtsam auswählende und eindrucksvoll dargestellte ZDF-Sendereihe "Abgeordnete – Szenen deutscher Politik" besondere Aufmerksamkeit. Von Hans Heigert kenntnis- und aspektreich moderiert, gewinnen die unblutigen Schlachten endlich etwas von jener Dramatik, die in Geschichtsbüchern bisher für Leuthen und Verdun reserviert war.

Endlich, jawohl – und kräftiger Beifall dafür, auch wenn die eine oder andere Interpretation dem Betrachter am Bildschirm denn doch ein wenig einseitig erschien. Zentrum und Sozialdemokratie – gut und schön, beide sind Bismarcks Feinde gewesen, aber da endet denn doch wohl die Gemeinsamkeit auch schon zwischen der rückwärts und der vorwärts gewandten, der autoritär plädierenden (hoch das Drei-Klassen Wahlrecht!) und der auf soziale Veränderung der Gesellschaft abzielenden Partei: der einen, die für Rüstung eintrat, und der anderen, die dagegen war.

Und dann ein zweites: Warum ist man, in Anbetracht einer Überlieferung, die eine minuziöse Rekonstruktion der Parlamentsvorgänge gestattet, nicht noch ein bißchen exakter vorgegangen? Wie lebendig hätte sich der Tumult nach Bismarcks Rede vom Dezember 1874 darstellen lassen, wenn neben dem Pfui über die Unterstellung, daß das Zentrum mit dem Attentat auf den Kanzler etwas zu tun habe, auch das stürmische anhaltende Bravo, die Heiterkeit und Denunziation des Pfui-Rufes (es war ein Graf Balestrem) dargestellt worden wäre!

Und überhaupt Bismarck – wieder einmal falsch interpretiert. Und dabei wissen wir doch aus vielen Berichten, wie er tatsächlich geredet hat, Otto von Bismarck. Stimme: fraulich unangenehm, schneidend und schwach zugleich. Sprache: stockend, unvermittelt abbrechend. Habitus: zunehmend klapprig. Pausen beim Reden: außerordentlich lang. ("Er räuspert sich und greift nach dem Glas, um einen Schluck seiner Wasser-und-Cognac-Mischung zu trinken. Man hat zuweilen: den Eindruck, daß er die Bewegung nach dem Glase weniger aus Durstgefühl als zu dem Zwecke ausführt, um über das Folgende zu sinnen.") Gestik: drückende Bewegung des rechten Arms. Aufmerksamkeit, während andere redeten: sehr gering.