Von Heinz-Günter Kemmer

Die Neun ist wieder da. Jene kleine Neun, die ursprünglich von den freien Tankstellen erfunden und dann von den Markengesellschaften mit Eifer übernommen wurde. Sie soll den Kunden signalisieren, daß Benzin an einer bestimmten Tankstelle ganz besonders preiswert ist, daß es nicht etwa 115, sondern "nur" 114,9 Pfennig je Liter kostet. Aber sie signalisiert noch etwas anderes: Wo sie auftaucht, da herrscht Wettbewerb.

Auf dem Höhepunkt des Mangels war sie verschwunden. Die freien Tankstellen versorgten sich – sofern sie ganz oder überwiegend auf den Rotterdamer Markt angewiesen waren – teurer als die Markenkonkurrenz. Und die glaubte nun, auf die Augenwischerei verzichten zu können. Mehr noch – die großen Mineralölgesellschaften vertraten die These, man dürfe auf keinen Fall billiger sein als die Konkurrenz. Denn sonst laufe man Gefahr, von preisbewußten Verbrauchern "leergekauft" zu werden.

Dahinter stand die Angst, auf einem leergefegten Weltmarkt nicht genügend Rohöl zu bekommen. Und diese Angst trieb die Ölgesellschaften zu Preiszugeständnissen an die Förderländer. Über die ohnehin hohen offiziellen Preise hinaus wurden weit höhere Beträge für sogenannte Spotmengen bezahlt, die außerhalb der mittel- oder langfristigen Verträge angeboten wurden.

Damit hat es nun allerdings ein Ende, aus der Mangellage ist eine Überflußsituation geworden. Und der unbefangene Beobachter fragt sich, ob denn in dieser Woche wirklich Energieexperten aus aller Welt auf der Weltenergiekonferenz in München darüber nachdenken müssen, wie sich die Völker bei ihrer Energieversorgung vom Öl lösen können. Schließlich gibt es gegenwärtig mehr Öl als gebraucht wird, obwohl der einst so mächtige Ölstaat Iran als Lieferant nahezu bedeutungslos geworden ist.