Beiderseits der innerdeutschen Grenze haben Herbstmanöver begonnen. Auf der Seite der Nato nehmen 100 000 Soldaten, daran teil, auf der Seite des Warschauer Paktes 40 000 Mann (oder mehr). Die Truppenzahlen im Osten; sind zwar kleiner, aber der propagandistische Aufwand ist enorm. Seit Wochen schön überlagert das Manöver "Waffenbrüderschaft 80" in der DDR-Presse alle anderen Themen. Jede Auskunft von Truppenkontingenten aus den Ostblockstaaten, Lagerbesuche, Begegnungen mit Werktätigen und Manöverbälle werden, aufmerksam registriert; und zum Beginn des Manövers fand in Potsdam eine Kundgebung mit 100 000 Teilnehmern statt.

Natürlich dienen die Ost-Manöver in der Propagandasprache ausschließlich dem Frieden. Der SED-Generalsekretär Honecker rief auf einer Potsdamer Kundgebung seinen Zuhörern zu, der Friede werde durch die Streitkräfte des Warschauer Vertrages zuverlässig geschützt, während zugleich Leserbriefe, Solidaritätserklärungen und Ansprachen zu. Hauf eine Kriegsgefahr an die Wand malen, die vollkommen irreal ist. "Gerade jetzt", heißt es zum Beispiel in der FDJ-Zeitung Junge Welt, hätten die Manöver große Bedeutung; und es wird behauptet, daß "unsere Gegner alles versuchen, die Früchte der Entspannungspolitik zu vernichten und das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten zu ändern". Der DDR-Verteidigungsminister Hoffmann sprach sogar von einer "rasch wachsenden Kriegsgefahr".

Diese aufgeputschte Hysterie ist gewiß kühl kalkuliert. Sie zielt auf den Wiederbeginn des Abrüstungsdialogs zwischen Moskau und Washington und soll den Eindruck erwecken, als fühle sich der Ostblock ernstlich vom westlichen "Imperialismus" bedroht. Es wird eine Parallele zu 1970 gezogen, als in der DDR ähnlich große Manöver des Warschauer Paktes stattfanden: Diese Manöver, so heißt es in der Zeitschrift Volksarmee, hätten damals am Anfang des Entspannungsprozesses gestanden. Aber es ist überaus fraglich, ob Demonstrationen der Stärke die richtige Voraussetzung für den von Minister Hoffmann erwünschten "Kampf um die Verhinderung der Eskalation des Wettrüstens" sind. Was geschähe, wenn der Westen genauso vorgehen wollte? jn