Von Lisa Kahn

Nach einem Besuch in Deutschland schickte uns Dr. Lisa Kahn, Professor für Deutsch an der Texas Southern University in Houston, diesen Bericht. Sie schrieb dazu: "Die Arbeit ist aus Zweifeln, Skepsis und der Furcht entstanden, daß der Holocaust so gut wie vergessen ist in Deutschland – trotz Fernsehsendung. Es ist doch her stürzend, daß im Land des Wirtschaftswunders –, und die Wohlhabenheit der Bürger schaut doch aus all ihren Knopflöchern heraus! – immer noch jüdische Friedhöfe völlig verwildern, sei es aus Mangel an Teilnahme, an bewilligten Mitteln oder beidem."

Um die christlichen Gottesacker nicht zu verunzieren, wurde er im 12. Jahrhundert für die Gemeinden Tauberbischofsheim, Lauda, Mergentheim, Weikersheim, Markersbach, Oberbalbach, Edelfingen und andere angelegt. Der Fragende wird vom Bad Mergentheimer Verkehrsamt nach Oberbalbach dirigiert: Dort befinde sich der "Judenfriedhof". In Oberbalbach weit und breit kein jüdischer Friedhof. Ich frage eine Frau, die neugierig gereckten Halses aus der verglasten Veranda ihres funkelnagelneuen Hauses schaut. Der Misthaufen daneben dampft. Beide, Haus und Haufen, liegen einen Steinwurf weit vom christlichen Friedhof. "Hei, da gibt’s keine Judenfriedhof", ruft sie mir zu. "Da müsset nach Unterbalbach, die han de Judenfriedhof." Der Dialekt ist eine Mischung von Fränkisch und Schwäbisch. Ich gebe ihn so wieder, wie ich glaube, ihn gehört zu haben. Etwaige Mundartfehler bitte ich mir nachzusehen.

Ja. Wenn man von Oberbalbach kommt, grüßt schon am Ortseingang linkerhand die hohe graue Mauer, abweisend, beschirmend, abschirmend, Von der Straße aus sind nur die oberen Hälften der Steine, die sich in endlosen Reihen dehnen, sichtbar, ihre Schrift der Morgensonne zugewandt. Zwischen hohem Gras und grünem Klee, da wollen wir die Häslein jagen – geht nicht so ein altes Lied? Das doppeltürige schmiedeeiserne Tor in der Mauer ist verschlossen. Schlüssel bei Herrn Schönleber, Mühltorstraße 1, heißt es auf einem Pappschild. Nirgends eine Menschenseele auf der Straße – die Kinder, von denen man das Schönleberhaus erfragen könnte, sind noch in der Schule. Ich warte vor dem Tor. Ein Moped braust vorbei. Dann ein Mercedes. Es folgt ein Wagen mir unbekannter Marke. Dann ein BMW, ein zweiter Mercedes. Armut scheint nicht zu herrschen.

In der Ferne taucht eine Gestalt auf, die sich auf mich zu bewegt. Ich warte. Es ist ein älterer Mann. "Wie komme ich zur Mühltorstraße 1?" Er gibt mir Auskunft. "Es kommen wohl nicht viel Leute zum Friedhof?" "Nee, ganz selten. Nur Ameriganer." "Warum ist der Friedhof denn verschlossen?" "Weil halt niemand hingeht." Auch eine Logik.

Ich fahre durch eine lange, blitzsaubere Straße, zu beiden Seiten zweistöckige, wie neu aussehende Häuser, jedes mit geranien- und petunienbepflanzten Fenster- und Balkonkästen. Viele haben eine Glasveranda, an manchen Hauswänden frisch lackierte Wagenräder zur Dekoration. In den manikürten Vorgärten, die von kleinen Jägerzäunen gerahmt sind, Blautannen, Gartenzwerge, jede Menge Blumen. Nur am Ende der Straße ein paar ältere Gehöfte, ein Gebäude, das wie eine Scheune wirkt, ein Misthäufen.

Das Schönleberhaus; wird renoviert. Es ist noch nicht verputzt. Ich klingle. Niemand öffnet. Ich klingle ein zweites, ein drittes Mal. Niemand öffnet. Aus dem nebenan liegenden Gehöft kommt ein Traktor. Ich halte ihn an, frage nach Herrn oder Frau Schönleber. "Die san net daheim, abr dr Opa. Der isch halt schwerhörig, gehn’S nur nein." Ich klopfe, so laut ich kann. Nichts rührt sich. Ich drücke die Klinke herunter. Die Tür ist unverschlossen. Vom kleinen, sauberen Vorsaal aus rufe ich: "Hallo, hallo, ist jemand da?" Eine Tür geht. Der Opa kommt in Filzpantoffeln angeschlurft, hat einen Stock, weist auf ein Bein: "I bin schwerkriegsbeschädigt." Ich bitte um den Schlüssel. Der alte Mann ist auch schwerhörig. Ich wiederhole meine Bitte. "Hei, den darf i net aus dr Hand gäbe, da muß i schon mitfahre." Mühsames Verstauen des steifen Beines in meinem kleinen VW.