Stuttgart

Der Bodensee, auch schwäbisches Meer genannt, ist für Baden-Württembergs Bevölkerung die Hauptquelle der Trinkwasserversorgung. Der Landesregierung dient das Gewässer überdies als Glanzstück einer wirksamen Umweltschutzpolitik. Das Wasser ist sauber, behauptet der zuständige Minister Gerhard Weiser (CDU), und daran wagte bislang auch niemand zu deuteln.

Ein junger Diplomingenieur aus Leutkirch, Albert Maria Drexler, aber hat nun mit seiner Doktorarbeit "Umweltpolitik am Bodensee Baden-Württemberg" dem Umweltminister die Sommerferien verdorben. Die wissenschaftlich äußerst fundierte Dissertation ist ein kompletter Verriß der Bodensee-Politik in den letzten drei Jahrzehnten. Betreut wurde sie vom Hannoveraner Ökologie-Professor Konrad Buchwald vom dortigen Institut für Landschaftspflege und Naturschutz. Die dauernde "Sowohl-als-auch"-Politik der Landesregierung, ihr "konzeptionsloses Flickwerk", schreibt Drexler, habe dem See ungeheuer geschadet. Und weiter: Während der See zwar als überregionales Erholungsgebiet und als bedeutender Wirtschafts- und Industrieraum beschrieben wird, ist tatsächlich die Wirtschaftsförderung immer wichtiger gewesen als die landesplanerische Zielsetzung. Diese Bemühungen hat der Staat stets der Initiative von Vereinen oder anderen Privatgruppen überlassen und sich auf marginale Eingriffe beschränkt.

Drexler verschweigt nicht, daß das Bodenseewasser durch den Bau von Kläranlagen sauberer geworden ist – trotzdem aber hält er die Gefahr, daß der See eines Tages "umkippt", noch immer für groß. Neue Zahlen des Umweltministeriums geben Drexler recht: Nachdem es kurzfristig gelungen war, den Phosphatgehalt des Sees wieder etwas zu ändern, steigt dieser zu fast 60 Prozent durch Abwässer aus Waschmaschinen der Privathaushalte verschuldete Meßwert wieder.

Drexler wirft der Landesregierung vor, daß ihre Umweltpolitik am Bodensee einzig auf die ausreichende Trinkwasserversorgung für den südwestdeutschen Bundesstaat ausgerichtet sei. Maßnahmen zur "Renaturalisierung der Ufer", zur Rekultivierung der Schilfbestände, Instandhaltung der Laichplätze und zur frühzeitigen Reglementierung der Sportschiffahrt hingegen seien völlig unter den Tisch gefallen. Besonders hart geht der Wissenschaftler auch mit der Verkehrspolitik der Landesregierung für diese Region ins Gericht: Eine Fehlentscheidung reihe sich an die andere, besonders gefährlich seien die Zielsetzungen der Autobahnplanung am See. Landschaftsplanerische Gutachten würden umgangen, Verkehrsnotstände geschaffen und die Stimmen der Anrainer ignoriert.

Der Minister freilich gibt sich trotzig: Die Dissertation hat er noch nicht gelesen, daß seine Bodenseepolitik richtig war, weiß er aber schon jetzt.

Hansjörg N. Schultz