Von Joachim Wagner

Ein smarter Mittdreißiger in einem funktional eingerichteten Büro bietet einen Service zu festen Preisen an: "Mein Name ist Van O’Steen. Ich bin Rechtsanwalt. Ich weiß, daß die Scheidung leider für viele den ersten Kontakt mit einem Rechtsanwalt bringt. Ich wünschte, es wäre nicht so: Aber eine unerträgliche Ehe wirft häufig komplizierte Rechtsprobleme auf... Brauchen Sie einen Rechtsanwalt, rufen Sie bitte die ‚O’Steen Legal Clinic‘ an." So klang es 1978 aus einer privaten Fernsehanstalt im US-Staat Arizona, zwischen Werbung für Cornflakes und Erdnußbutter.

Rechtsanwalt O’Steen ist einer von 40 000 der mehr als 400 000 Rechtsanwälte in den USA, die in den letzten Jahren die vornehme Zurückhaltung ihres Standes aufgegeben haben und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten wie Maler oder Autohändler in Branchenfernsprechbüchern, Zeitungsannoncen und Fernsehspots feilbieten. Aber O’Steen ist nicht nur irgendeiner von ihnen; er gehört zu den Pionieren der Anwaltswerbung in den Vereinigten Staaten. 1977 erstritt er vor dem Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, ein Urteil, das das Werbeverbot für Rechtsanwälte für verfassungswidrig erklärte. Dieses Urteil war der Anlaß zu einer weltweiten Diskussion über die Frage, ob das anwaltliche Werbeverbot noch zeitgemäß ist. Der 18. Weltkongreß des Internationalen Anwaltverbandes (International Bar Association) vom 24. bis 30. August in Berlin griff das Thema "Spezialisierung und Werbung im Bereich des Anwaltberufes" auf.

Auf Mundpropaganda angewiesen

In den meisten Ländern der Welt verbietet das Standesrecht den Anwälten heute noch jede Werbung, weil sie "der Würde eines Rechtsanwaltes widerspricht". So auch bei uns.

Solange der Zugang zum Anwaltsberuf einigen wenigen Angehörigen der Oberschicht vorbehalten war und der Gang zum Gericht eine Ausnahme blieb, war Werbung überflüssig. Anwälte und Mandanten fanden zueinander, weil sie sich entweder kannten oder über die notwendigen Beziehungen verfügten. Diese informellen Kontakte reichen heute nicht mehr aus; auf dem Rechtsberatungsmarkt Bundesrepublik konkurrierten 1978 rund 33 500 Anwälte um die Mandate in den über 3 750 000 Gerichtsverfahren des Jahres. Da es für Anwaltswahl und Mandantensuche keine institutionellen Wege gibt, bleibt es meist dem Zufall überlassen, ob der Rechtsuchende den für sein Problem "richtigen" Anwalt findet-und der Rechtsanwalt die Mandanten, denen er auf Grund seiner Kenntnisse am besten helfen kann. Zwar haben-einige Anwaltskammern und Anwaltsvereine sogenannte Fachgebietslisten ausgelegt, in die sich; jeder Anwalt ohne Qualifikationsnachweis für mehrere Fachgebiete eintragen, lassen kann. Da diese Listen aber weitgehend unbekannt geblieben sind, regeln sich Angebot und Nachfrage auf dem Anwaltsmarkt heute noch wie vor 150 Jahren: durch Mundpropaganda.

Jahr für Jahr werden neue Gesetze produziert. Nur noch Spezialisten finden sich durch. Die Anwaltschaft erkennt diesen Zwang zur Spezialisierung an. Nach jahrelangem Drängen hat die Bundesrechtsanwaltkammer vor zwei Jahren einen Vorschlag zu einem Gesetzentwurf zur Regelung der Fachanwaltschaft vorgelegt. Neben dem bereits anerkannten Fachanwalt für Steuerrecht fordert er die Zulassung von Spezialanwälten für Verwaltungs-, Arbeits-, Sozial- und Strafrecht. Dies wäre ein Anfang. Leider aber ist er mehr von den Interessen der Anwälte als von den Bedürfnissen der Verbraucher bestimmt. Denn welcher Bürger kann schon zwischen Verwaltungs- und Sozialrecht unterscheiden? Was nützen die abstrakten Fachgebietsbezeichnungen dem Rechtsuchenden, wenn sie nur auf dem Praxisschild oder dem Briefkopf stehen dürfen? Zur Zeit ist nicht einmal geklärt, ob sie ins Branchenfernsprechbuch eingetragen werden dürfen. Und was helfen Fachgebietshinweise Eltern, die für ihre Kinder einen Fachmann im Schul- und Hochschulrecht suchen?