Erich Steingräber, der Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, hat Lothar-Günther Buchheim, den Besitzer der umfassendstes und wertvollsten Privat-Sammlung expressionistischer Kunst hierzulande, per Einschreibbrief wissen lassen, daß er umgehend seine Bilder, die als Leihgabe im Münchner Haus der Kunst hängen, zu entfernen habe. Da der Brief, falls man von einem solchen reden kann, kurz ist, soll er hier zitiert werden:

Sehr geehrter Herr Buchheim,

Ihr Interview in "art 9/1980" ist an Scheinheiligkeit und Borniertheit nicht zu übertreffen. Ich werde an anderer Stelle darauf zurückkommen und Ihnen die gebührende Antwort erteilen. Ich ersuche Sie umgehend, sämtliche Leihgaben zurückzunehmen, für die Sie leider allzu lange auf Kosten des Steuerzahlers Vermögenssteuer und Versicherungsprämie gespart haben. Ab 1. Oktober 1980 erlischt die von der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen übernommene Haftung.

Prof. Dr. Erich Steingräber

Was hat Steingräber zu dieser Tat veranlaßt? Ein Interview mit der Kunstzeitschrift art, in dem Buchheim die Mißstände bayerischer Kunst- und Museumspolitik beschreibt. Buchheim spricht direkt und anschaulich, wie das seine Art ist, und er spricht besonders deutlich über die "beschämende Situation", daß die Expressionisten und die Bilder seiner Sammlung immer noch im Dauer-Provisorium Haus der Kunst untergebracht sind.

Buchheim, der Maler, Sammler, Verleger, Schriftsteller, Kunstbuchautor, Photograph und ewige Expressionist in allen seinen Berufen und im Leben, entwirft hier ein Panorama der bayerischen Hauptstadt und des dort amtierenden Geistes, das in grellen Farben leuchtet; aber er argumentiert nicht ad personam, sondern beschreibt eine Situation, so wie er sie sieht; und daß er eine Perversität auch eine solche nennt und die Tatsache, daß ausgerechnet die von Hitler als "entartet" vertriebenen Künstler im Führer-Kunstpalast bleiben müssen, als eine "Schändung" empfindet, dafür muß man wohl keine Erklärung suchen. Eher müßten die sich erklären, denen diese Tatsache gar nicht mehr auffällt.

Statt dessen will, makabrer geht’s kaum, Erich Steingräber, dessen für die Sammlung Buchheim zuständiger Mitarbeiter das Interview kannte, die Bilder aus dem Haus und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verbannen, weil er sich über den Leihgeber ärgert. Und am Horizont taucht die Vision des Alptraums auf, daß die einmal verstoßenen Bilder ein zweites Mal per Obrigkeitsbefehl von den Wänden geholt werden.