Von Jürgen Lodemann

Wenn ein Literaturwissenschaftler seine Versuche unter dem Titel "Mein Gott Goethe" veröffentlicht, macht einem die fehlende Interpunktion. Sorgen – vor allem, daß da kein Komma steht zwischen Gott und Goethe. Das sieht aus, als könne hier einer nicht etwa den Seufzer "Mein Gott, dieser Goethe" gemeint haben, sondern es habe hier einer im Ernst sein öffentliches Goethe-Glaubensbekenntnis ablegen wollen. Merkwürdigerweise ist das Buch tatsächlich eine Mischung aus beidem, aus Seufzern und Kenntnissen, aus Forschung und Bekenntnissen. Eine selten gewordene Sorte Literaturwissenschaft: mit vollem persönlichem Einsatz –

Leo Kreutzer: "Mein Gott Goethe", Essays; das neue buch 136, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1980; 157 Seiten, 12,– DM

Mit Elan geht der Professor der Technischen Universität Hannover, Lehrstuhlnachfolger von Hans Mayer, gleich seit der ersten Seite dem an die Gurgel, was er – belegt mit Zitaten des Soziologen Schmidtchen – als unser derzeitiges Wissenschaftssystem vorstellt. Der Denkstil, der bei uns als "wissenschaftlich" gilt, wird beschrieben als ein rationalisierendes Begriffsraster, als ein selbstherrliches Kontrollsystem auf allen Zufahrtwegen zur "Wahrheit", ein System, das aber gerade mit seiner Einseitigkeit und seinem Alleinherrschaftsanspruch eben diese Zugänge blockiert und heute in ähnlicher Weise Inquisition sei wie in älteren Jahrhunderten die Religion. Wenn, was als wissenschaftlich gilt, solchen Charakter hat (fragt der Literaturwissenschaftler Kreutzer), wie kann es dann überhaupt so was geben wie eine Wissenschaft von der Literatur, also ein Kontrollsystem über einen Bereich des – in jedem Fall von Qualität – per se Unordentlichen, Unvorhersehbaren, Überraschenden, also Unkontrollierbaren? Denn "jedes Buch, das in Frage kommt, bringt vieles aufs neue durcheinander", sagt es Kreutzer in seiner Sprache, die einfach ist, oft schön, aber auch "wissenschaftlich".

Wie sich da mit Wissenschaft und Literatur zwei Äußerungsweisen gegenüberstehen wie Feuer und Wasser, wie die dennoch, wenn sie nur füreinander offenbleiben, miteinander Dampf und Wirbel machen können, die Erkenntnisse fördern, das führt Kreutzer an einem Beispiel vor, von dem man meinte, nun doch hinreichend gesicherte Fakten zu kennen, am Beispiel Goethe. Mit Eindrücken von zwei "Tasso"-Inszenierungen (Peter Stein in Bremen, Claus Peymann in Bochum) setzt er ein, mit Überlegungen, "wie Werther zu retten gewesen wäre" fährt er fort (eine unwissenschaftliche Frage? eine ergiebige in jedem Fall), in wenigen Sätzen über die norddeutsche Schnee-Katastrophe Anfang 1979 führt er dann in überraschender Volte vor, wie selbst ein so perfekt zivilisiertes System wie das der Bundesrepublik vor der "Ungezogenheit der Natur" (auch vor derjenigen der derzeitigen Tassos) versagen kann. Und kommt dann zu der Frage, welche Rolle denn diese Natur für Goethe hat spielen können, wenn sie so zu Unordnungen neige, womöglich zum Explodieren. Und er erhellt dabei neue Ansichten über den Naturforscher Goethe; war denn nun dessen Forschungsleistung die eines Wissenschaftlers, wie er heute akzeptiert würde?

Kreutzer kann sich mit überzeugenden Belegen den Wissenschaftler Goethe zum Prototyp der eigenen Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit machen, kann nachweisen, wie da einer schon früh – ohne Erfolg bei den "wissenschaftlichen" Kollegen, höchstens begönnert als Amateur oder Hobbyist – versucht hat, selbst die strengste der Wissenschaften, die von der Natur, als eine zu etablieren, die ihre Resultate nie ohne Rückgriff auf das forschende Subjekt darstellen dürfe, die nie zu verleugnen habe, "wie eigentlich das Subjektive auch in den Wissenschaften waltet" (so wörtlich Gott Goethe), und die dann entsprechend auch ihren Gegenstand nie mit der nekrophilen Wut der Spezialisten zu zerstückeln habe.

Ist aber nicht die Einbeziehung des Subjekts, wozu Kreutzer hier seinen "Gott" als Kronzeugen anruft, doch nur ein neuer Irrationalismus? ein Anti-Aufklärungs-Affekt? Ich denke, Kreutzer betreibt nur dann Anti-Aufklärung, wenn Aufklärung Begrifflichkeit und bloße Vernunft meint. Er betreibt keine, wenn Aufklärung sichtbar machen soll, was denn insgesamt über Menschen zu erfahren sein könnte.