Regierungen und deren bürokratischer Apparat, zumal in Deutschland, haben die Eigenart, unangenehme Nachrichten, wenn sie schon nicht vermeidbar sind, in möglichst milder Form zu verabreichen." Wird damit aber gleich aus jeder harmlosen Verlautbarung eine Verharmlosung? Diese Frage legt der Sammelband

"Rechtsradikalismus: Randerscheinung oder Renaissance?"; Hrsg. von Wolf gang Benz, Fischer Taschenbuch 4218 (Informationen zur Zeit); Frankfurt 1980; 284 S., 7,80 DM

nahe, der dem jährlichen Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministers nicht glauben mag, daß von Rechtsaußen keine Gefahr drohe.

Es ist gewiß in Deutschland nicht angebracht, faschistische oder gar nazistische Tendenzen herunterzuspielen. Zu tief "hat historische Erfahrung die Kenntnis von den nationalsozialistischen Verbrechen in das Gedächtnis der Nation eingegraben", wie der Historiker Hermann Graml über "alte und neue Apologeten Hitlers" schreibt. Und das Taschenbuch ist auch der beste Beweis für die geschärfte Aufmerksamkeit, mit der jeder rechnen muß, der leichtfertig rechtsradikale Tendenzen als unvermeidlichen Bodensatz einer freiheitlichen Demokratie hinnimmt.

Wer sich mit den Neu-Braunen auseinandersetzen will, erhält hier Material gegen ihr Propagandaarsenal, ob es sich um Geschichtsfälschungen à Ja "Auschwitzlüge" handelt, um den "Volkssozialismus" der Jungnazis, um "grüne" Tarnungen für eine Blu-Bo-Renaissance oder um den Neuaufguß des NS-Biologismus.

Um so bedauerlicher sind dann Ausrutscher wie im Artikel von C. H. Meyer. In begreiflicher Empörung über die "Hitler-Veredelung" durch die Medien in den siebziger Jahren tut er stellenweise genau das, was der Herausgeber im Vorwort zu meiden versprach: Er prügelt mit "heißem Herzen" (Benz) auf die Falschen ein, ohne Ansehen der Person und der Sache. Auflagenzahlen – Joachim Fests Hitler-Buch – werden zu Verherrlichungsbelegen, knallige Verpackung – Christian Zentners Heft über die Judenverfolgung – zu Verschleierungsbemühungen (so die Fälschungslüge über das Tagebuch der Anne Frank; im inkriminierten Text steht indes das Gegenteil). Dabei kümmert sich eigentlich nur Meyer um wirklich Beunruhigendes – um Retuschen am Geschichtsbild zwecks Beruhigung über manche Parallelen zur politischen Gegenwart. Nur steht sein Zorn der Analyse im Wege. Die anderen Beiträge bestätigen dafür die Diagnose des Innenministers: Lästig, aber relativ ungefährlich seien die rechten Rabauken noch immer.

Gewiß, die Umschichtung von Alt- auf Jungnazis in den letzten Jahren sollte zu denken geben; die zunehmende Gewalttätigkeit dieser Gruppen ist nicht nur eine Spielart der Wohlstandskriminalität oder ein Lernerfolg aus linkem Terrorismus. Doch das rassistische Credo des Nationalsozialismus und seinen kruden Sozialdarwinismus begriffen schon im Dritten Reich die wenigsten; eine Basis im Volk hatten sie nie. Und die, die sie heute trotz der grausigen Entlarvung wieder propagieren, sind geistig führungslos. Intellektuelle, die sich wie in Frankreich der verwaisten "Bewegung" annehmen könnten, sind bei uns nicht in Sicht.

Friedemann Bedürftig