Hamburg

Vier Tage wurde Olaf Ritzmann noch künstlich am Leben gehalten. Erst am Freitag vorletzter Woche durfte der 16jährige Tischlerlehrling sterben. Gehirntot aber war er schon am Montag davor, als er von einem Zug der Hamburger S-Bahn erfaßt und auf die Gleise geschleudert wurde. Auf einen Wink der Polizei hatten die Ärzte das kurze Leben des jungen Mannes noch um ein paar Tage verlängert. Man wollte vermeiden, daß es im Anschluß an die blutigen Auseinandersetzungen nach einer Anti-Strauß-Demonstration auch noch zum Märtyrer-Mythos komme.

Vergebens: Die Stilisierung des tragischen Unfalls zum Opfertod ist bereits im vollen Gange. „Olaf ist tot – von der Polizei vor die S-Bahn getrieben“, heißt es in einem Flugblatt verschiedener linksradikaler Gruppen, unter ihnen der Kommunistische Bund und der KBW. Von „Mördern“ spricht ein anonymes Plakat, das die Polizei im Einsatz zeigt. Und die Tageszeitung taz macht die „Frage nach der Berechtigung militanten Widerstands gegen diesen Staat zur Tagesfrage“.

Ein „Ermittlungsausschuß“ hat sich gebildet und sammelt Informationen, die beweisen sollen, Olaf Ritzmann sei in der Folge eines unberechtigten Polizeieinsatzes auf die Bahngleise geraten und deshalb überfahren worden. Dieser „Ausschuß“ legte Mitte letzter Woche einen Bericht vor. Mehrere namentlich nicht genannte Zeugen behaupten, die Polizei habe demonstrativ mit Knüppeln auf ihre Schilder geschlagen, Tränengas geworfen und anschließend die Halle des S-Bahnhofs Sternschanze gestürmt.

Die Demonstranten seien dann, vor der Polizei flüchtend, auf den eine Treppe höher gelegenen Bahnsteig zurückgewichen. Dort sei es zum Gedränge und schließlich zur Panik gekommen, bei der mehrere Menschen auf die Gleise „flüchteten“, unter ihnen Olaf Ritzmann. „Zögernd“, so der Bericht des „Ermittlungsausschusses“ wörtlich, „kamen sie wieder zurück, als die Polizei ihren Angriff beendete.“ Bei diesem Zurückgehen sei Ritzmann von der Bahn erfaßt worden.

Nach Angaben der Polizei aber befand sich Olaf Ritzmann in einer Gruppe von Jugendlichen, die von einer unmittelbar an den Bahnsteig grenzenden Brücke aus die Polizei mit Steinen beworfen hatte. Da die Polizei aber nicht auf die Brücke kam – ihr Einsatz galt einem Lautsprecherwagen, aus dem zu Straftaten aufgefordert wurde, verließen die Jugendlichen nach kurzer Zeit ein Versteck auf dem Bahndamm, „und“, so der Polizeibericht wörtlich, „gingen auf dem Gleiskörper zum Bahnsteig zurück.“ Dann erst sei Ritzmann vom Zug angefahren worden.

Eine grundsätzliche Frage erhellt der Polizeibericht allerdings nicht: Warum – wurde der Bahnverkehr nicht unterbrochen, als die Polizei die Bahnhofshalle stürmte? Schließlich gibt sie an, bereits vor ihrem Einsatz in der Halle von den Gleisen aus mit Steinen beworfen worden zu sein. Hätte sie dann nicht als erstes eine Unterbrechung des Zugverkehrs veranlassen müssen?