Nach zwei Jahrtausenden kommt eine Armee aus dem Untergrund

Von Gerhard Prause

Sian (Volksrepublik China)

Es muß nicht immer Größe sein, was zu Unsterblichkeit führt. Bei Tschin Schi Huang Ti, Chinas "Erstem, erlauchtem Kaiser", war es vor allem manische Todesfurcht, die ihn nach Möglichkeiten suchen ließ, ewig zu leben. Jahrelang eilte er durch sein riesiges Land, das er aus sechs Staaten zu einem zentralistisch regierten Reich geeint hatte, jagte dahin auf den von ihm angelegten Schnellstraßen, in Wagen mit der von ihm für alle Wagen und Karren in ganz China genormten Spurenweite.

Tschin Schi Huang Ti, der Expeditionen In unbekannte Regionen schickte, um die legendären Inseln der Unsterblichen suchen zu lassen, und der selber ständig unterwegs war, weil er das Elixier des ewigen Lebens finden wollte, hat alles genormt und vereinheitlicht: Maße und Gewichte, die Währungen, die Kalender, die Schriftformen, die Gesetze, die Moral. Und sogar die Menschen. Er schaffte die Klassenunterschiede ab. Und er ließ allen dieselbe Bildung zuteil werden.

Andere Formen von Bildung Verbot er. Im Jahre 213 v. Chr. ließ er sämtliche Bücher, auch aus Privatbesitz, die nicht unmittelbar der militärisch-despotischen Verwaltungspraxis seines Einheitsstaates förderlich waren, verbrennen. Das traf vor allem die Konfuzianer. Und 460 konfuzianische Gelehrte ließ er sogar umbringen, was seinen späten Bewunderer Mao Tse-tung nach gut zwei Jahrtausenden zur eigenen Verherrlichung ausrufen ließ: "Was zählt schon der erste Kaiser? Er hat nur 460 konfuzianische Gelehrte lebendig begraben, wir haben 46 000 begraben!"

Mao, der erste Vorsitzende, der vor wenigen Jahren im Mausoleum auf dem 40 Hektar großen Tiän-an-mén-Platz, dem größten Platz Pekings, sein (wohl nur kurzes) ewiges Leben begann, direkt neben der ehemaligen, einst für Bürger verbotenen kaiserlichen Palast-Stadt, sah in Chinas erstem Kaiser seinesgleichen: den Einiger des Reiches, den Bändiger der menschlichen Natur. Und vielleicht hat Mao, den es ja ebenfalls nach Unsterblichkeit gelüstete, nicht ohne Neid gelesen, was – wie antike Historiker versichern – der mißtrauische und stets Attentate fürchtende Tschin Schi Huang Ti sich für sein ewiges Leben ausgedacht hat, nachdem er weder das ersehnte Elixier noch die Inseln der Unsterblichen gefunden hatte.