Das ß droht ins Haus wie ein weit entfernter Verwandter. Während meine linke Hand d und a noch mit Gelassenheit meistert, spreizt sich bereits der rechte kleine Finger leicht ab, saust dann nach oben, verfehlt sein Ziel nur knapp und schlägt vehement auf die Tabulatortaste. Der Wagen schnellt zehn Anschläge vor. Jetzt Ruhe bewahren, die Hände zurück in Grundstellung und weiterschreiben: "Socjerjeot Ip,,t vpr Scjmeööogleot." Sicherheit kommt vor Schnelligkeit soll das heißen, ein blöder Spruch.

Zehn blinde Finger auf den 35 wichtigsten Tasten einer Schreibmaschine zu geregeltem Miteinander zu bewegen, wie oft habe ich das schon versucht. Zunächst hatte ich in zäher Heimarbeit Buchstabenkolonnen getippt, war dann aber auf Seite acht des Lehrbuchs bei dem klugen Satz "die kaulquappe war das opfer" an die Grenzen meiner Fingerfertigkeit gestoßen. Später gelang es zwei ältlichen Volkshochschullehrerinnen, meine Fähigkeiten bis zu der Feststellung voranzutreiben: "Felix und Axel sind fix."

Dies ist nun mein vierter und unwiderruflich letzter Anlauf. Sollte sich wieder erweisen, daß meine Hände acht Finger zuviel haben, will ich mich in Zukunft mit den zwei begnügen, auf die Verlaß ist. Noch aber bleibt die Hoffnung. "Sight und Sound", so verspricht das 680 Mark teure Lernprogramm, habe schon die wildesten Fingerverrenkungen in gekonnte Rhythmik umgesetzt.

Zu Beginn starrt der Lernwillige auf eine gläserne Wandtafel, wo die einzelnen Buchstaben aufleuchten, wenn sie gedrückt werden sollen, das ist Sight. "Jetzt", sagt dazu eine Stimme vom Tonband, das ist Sound, und alles scheint ganz einfach. Nach acht Einführungsstunden fällt diese optische Hilfe fort. Über Plastikstöpsel in den Ohren diktiert die Stimme nun unaufhaltsam weiter. Im Hintergrund schlägt ein Metronom dumpf den Takt. Die Schlagzahl wird von Stunde zu Stunde erhöht. Jede spanische Galeere hätte so ausgerüstet den englischen Freibeutern unter Kapitän Hornblower durch die aufgewühlte See entfliehen können.

In verkrampfter Anstrengung schlagen die gebeugten Finger immer schneller auf die Tasten, der hämmernde Takt des Metronoms peitscht sie unerbittlich vorwärts. Es ist stickig und heiß. Da prallen mit hellem Klicken die Typenhebel aufeinander, verhaken sich und bringen die rasante Schreibgeschwindigkeit von nunmehr schon achtzig Anschlägen jählings auf Null. "Wagen zurück", sagt der Mann im Ohr, "neue Zeile." Auf dem Papier künden Buchstaben, die so noch nie nebeneinander standen, von Hornblowers Sieg.

Jörg Reckmann