Eine der kürzesten "Woyzeck"-Aufführungen – aber wie lang dauern die knappen zwei Stunden. "Keine Pause" steht auf dem Programmzettel – aber Michael Gruner macht viele Pausen. Die Worte tropfen, die Spannung vertröpfelt.

Die düstere Mord-Ballade aus vielen Kurz-Szenen schleicht im Hamburger Thalia Theater dahin als Lehrspiel vom Elend des Menschenlebens. Mit Kürzungen, Auslassungen, Umstellung von Szenen und der Einfügung, von Szenen-Partikeln aus früheren Fassungen des Spiels, das der dreiundzwanzigjährige Dichter als Fragment hinterlassen hat, inszeniert Gruner weniger. Stationen aus Woyzecks wildem Leben als ein Parabelspiel vom menschlichem Dasein.

Überraschend stellt Gruner, nach der Mordszene, den Auftritt des Jahrmarkt-Ausrufers ans Ende. Dessen Mahnung: "Mensch, sei natürlich! Du bist geschaffen Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck?" klingt wie ein ironisches "Memento mori" und erinnert an die drei Hände voll Erde, die nach christlichem Ritus ins Grab gestreut werden.

In Gruners Inszenierung schließt sich so ein Kreis: Die Worte des Schaubuden-Schreiers klingen wie ein Echo von Woyzecks Seufzer aus der Szene am Teich (wo Woyzeck und Andres Stecken schneiden), mit der die Aufführung beginnt: "Still, alles still, als war die Welt tot." Gruner inszeniert weniger Büchners Stück als die Bedeutung, die er den Szenen gibt.

Als Eröffnungspremiere nicht nur einer neuen Spiel-, sondern auch Intendanten-Zeit, wobei der neue Hausherr, Peter Striebeck, selber die Titelrolle übernimmt, ist eine so wenig spektakuläre, leise Aufführung gerade an diesem Haus eine (angenehme) Überraschung. Denn auch wo die Inszenierung nicht überzeugt oder Widerspruch weckt, ist ihre Nachdenklichkeit, Ernsthaftigkeit offensichtlich. Gruner und sein Ensemble gehen in ihrem Bemühen, Sozialkritik zu vermeiden, oft mehr als nur einen Schritt zu weit; Wiegt der mögliche Gewinn von Gruners pessimistischer Lesart des Stücks die Verluste an Aktion, realistischem Spiel, Farbe und oft: schlichtweg Verständlichkeit auf?

Uwe Oelkers entrümpelt die Szene total. Allein eine Linde mit mächtigem Blätterdach steht auf der Drehbühne. Der grüne Baum ist, Sinnbild der ewigen Natur in den Szenen, in denen die Gesellschaft Woyzeck in den Untergang hetzt. Die Szenen werden nicht konkretisiert in einem historischen, also überprüfbaren Milieu, sondern geöffnet in die Unendlichkeit eines Niemandslandes von Allezeit und Immerdar.

Bühnendunkel und Blattgrün, mal von der Seite, mal von oben beleuchtet und schöne Schattenspiele ermöglichend, sind von großem optischem Zauber. Zusammen mit klug ausgetüftelter Hintergrundmusik, vom Fröschequaken über Fetzen von Volksliedern bis zum militärischen Lärm der Trommeln, die Woyzeck aus Natur oder privatem Idyll in die Zuchtanstalt der Kaserne zurückrufen, vergeben sich starke atmosphärische Stimmungen aber auch Einsichten?