Hamburg

Die Hansestadt Hamburg ist so frei: "Wer ein Mädchen für ‚1’amour‘ sucht", rät eine offizielle Werbebroschüre, "geht in der Herbertstraße am sichersten." Im Eros-Center dagegen "gibt’s das Gewünschte selten für den ausgehandelten Preis. Spaß ohne Ärger erleben Sie mit den Freudenspenderinnen aus den Kontakt-Cafés". Die menschliche Geringschätzung, die aus diesen Worten spricht, setzt sich fort, wenn eine Frau aus der Prostitution aussteigen will. Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen der "Arche", des ersten selbstverwalteten Frauenhauses für ehemalige Prostituierte, erfahren das immer wieder. Statt den Entschluß, sich ein neues Leben aufzubauen, als Beweis der Stärke zu akzeptieren, unterstellt die Sozialbehörde den Frauen, sie seien unfähig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Im Dezember vergangenen Jahres zog die "Arche" in ein verwüstetes Haus in einem Hamburger Vorstadtviertel. Die Frauen renovierten den Bau, richteten die Zimmer und einen Gemeinschaftsraum ein. Zur Zeit arbeiten sie an einem Werkraum und einem Partykeller. Je fünf Frauen bewohnen ein Stockwerk und teilen dort Küche und Bad. Sie versorgen sich selbst. In Gruppengesprächen, so das Konzept der Helferinnen, "erfahren sie, Prostitution nicht mehr als individuelles Versagen, sondern als ein gesellschaftliches Problem zu begreifen". Während ihrer Zeit in der "Arche" versuchen die meisten, eine eigene Wohnung und eine annehmbare Arbeitsstelle zu finden.

Die Helferinnen sollen nicht länger überlegene Erzieher sein, die dem "Klienten" (so der sozialpädagogische Jargon) alle Auffälligkeiten "wegtherapieren" und ihn wieder zu einem "normalen Leben" hinführen. Selbstvertrauen und Selbständigkeit, sagen die Frauen, können sie nur durch Selbstverwaltung ihres neuen Zuhauses gewinnen.

Dieses Konzept wurde der Hamburger Sozialbehörde als Grundlage für weitere Finanzierungshilfe vorgelegt. Es stieß auf wenig Gegenliebe. Das Landesamt für Rehabilitation schrieb den Frauen, "daß ehemalige Prostituierte mit dem .Konzept eines Frauenhauses‘ überfordert sind, wenn sie aus der .beruflichen Szene‘ ausscheiden und voll in ein normales Leben integriert werden sollen. Eine Reintegration der Klienten setzt gewisse Entwicklungsstufen voraus, die längere Zeit in Anspruch nehmen".

In einem geharnischten Antwortschreiben erklärten die Mitarbeiterinnen der"Arche", sie sähen die Bewohnerinnen nicht als Klienten und hätten nicht vor, sie in ein "normales Leben" zu integrieren, sondern sie darin zu unterstützen, ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen. "Indem Sie die Frauen auf eine ‚gewisse Entwicklungsstufe‘ festschreiben (sagen Sie doch offen, daß Sie .niedrige’ meinen), sprechen Sie ihnen ihre Mündigkeit ab."

Doch nicht nur über das Konzept, sondern auch über die Finanzierung sind sich Behörde und Frauenhaus uneinig. Bislang wird die "Arche" über den umstrittenen Paragraphen 72 des Sozialhilfegesetzes (ZEIT 11/1980) finanziert. "Personen, bei denen besondere soziale Schwierigkeiten der Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft entgegenstehen, ist Hilfe zur Überwindung dieser Schwierigkeiten zu gewähren, wenn sie aus eigener Kraft hierzu nicht fähig sind", heißt es in dem sogenannten "Randgruppen-Paragraphen", der ursprünglich für Obdachlose, Strafentlassene und verhaltensgestörte Junge Menschen (zum Beispiel Süchtige) gedacht war. Die Bewohnerinnen der "Arche" – wie auch der anderen Frauenhäuser für von ihren Männern schwer mißhandelte Frauen – werden also als nicht gemeinschaftsfähig diskriminiert, was auch ganz handfeste finanzielle Konsequenzen hat: Die Behörde zahlt pro Bewohnerin der "Arche" täglich 78,35 Mark. Ist das Haus mit seinen vierzehn Plätzen einmal zu weniger als 80 Prozent besetzt, gerät der Etat ins Wanken. Deshalb fordern die "Arche"-Frauen einen festen Jahresbetrag aus dem Hamburger Haushalt.