Wer von "Aufwind" redet, um in Aufwind zu geraten, könnte sich eigentlich kein besseres Umfrageergebnis wünschen als das von Elisabeth Noelle-Neumann: Sie hat für die CDU/CSU 45, für die SPD 45,1 und für die FDP 7,7 Prozent ermittelt. Man kann das im Blick auf die Bundestagswahlen auch so übersetzen: Die CDU hat mindestens gute Chancen, die SPD zu schlagen, wenn sie sich anstrengt; sie gewinnt Boden, es kann nur noch besser werden; die SPD kann nicht auf einen glatten Sieg bauen; und die FDP hat nichts zu fürchten. Volkes. Stimme, hat für ein maßgeschneidertes Ergebnis aus dem Allensbach-Institut gesorgt,

In einer Blitzumfrage stellte Infratest fest, daß die SPD 37, die CDU 40, die FDP 8 Prozent der Stimmen erhalten würde, wenn jetzt Wahlen wären. Mit 12 Prozent liegt die Zahl der Unentschlossenen noch auffallend hoch. In ihrer Wahlzeitung ZaS verkündete daraufhin die SPD, die Union liege vorn. So etwas soll – und kann – die eigene Anhängerschaft mobilisieren, was die SPD nötig hat. Es könnte damit aber auch die These vom "Aufwind" bekräftigt werden, woran der Union soviel liegt. Denn nach den Merksätzen der Demoskopie gewinnt der "Gewinner", verliert der "Verlierer". Wem nun welches Etikett gebührt, steht derzeit nicht ganz fest. Das macht auch die Politiker mit den Daten so ambivalent. Die Demoskopen können die Wähler befragen, die Parteien können wie die Befrager selber mit den Befragungen manipulieren, aber ob die Manipulationen auch erfolgreich sind – das bleibt das Geheimnis der

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Ob sich also nun wirklich drei Wochen vor der Wahl etwas Zuungunsten der Koalition verschoben hat, ob sie wirklich in die "Defensive" geraten ist, und ob die Union wirklich einen "Aufwind" verspürt oder sich nur Illusionen macht – das alles läßt sich derzeit schwer ausmachen. Im Treibhaus, wie Wolfgang Koeppen Bonn in seinem frühen Roman genannt hat, reagiert man auf solche Klimaveränderungen aber schon immer besonders nervös, ob sie nun echt sind oder nur eingebildet. Also Die Koalition, die SPD zumal, ist irritiert.

Als ein gar nicht kleines Problem stellt es sich für sie dar, wie sie auf den Kandidaten Strauß eingehen soll. Strauß wirft dem Kanzler "Kriegshetze" vor und nennt ihn einen "Friedensschwätzer" – Klaus Bölling sagt dazu, dies sei der "authentische Strauß". Egon Bahr hat sich veranlaßt gesehen, Strafanzeige gegen die Behauptung zu stellen, er organisiere den "Mob der Straße" und trage die Hauptverantwortung dafür, "daß heute die SPD-Propaganda gegen mich in Wort und Schrift kaum mehr zu unterscheiden ist von der Propaganda Herrn Julius Streichers und seines ,Stürmers‘ gegen die Juden in den dreißiger Jahren". Den Boden für solche Entgleisungen hatte Strauß bereitet, als er Nationalsozialismus und Sozialismus gleichsetzte. jetzt stellt auch das Kanzleramt ein bißchen verdutzt fest, daß das Kalkül von Strauß insoweit aufgehen könnte, als in den Medien nur das Bild eines neuen "Strauß ohne Vergangenheit" erscheine. Einerseits soll Strauß, wie die SPD sagt, nicht "hochgeschmäht" werden, und die jungen Leute sollen nicht gegen ihn demonstrieren; Andererseits möchte die SPD den "authentischen" Strauß mit seiner vergessenen Biographie zeigen. Den rechten Weg zwischen Zurückhaltung und Enttarnung sucht sie noch.

Horst Ehmke hat als neuer Bundestagskandidat der SPD in Bonn einen Wirbel entfacht, der hier ganz und gar ungewöhnlich ist. Die Hauptstadt hatte mit zäher Konstanz den Regierungswechsel im Jahr 1969 ignoriert, blieb also stets der Union treu – und die SPD hatte Bonn immer ein bißchen links liegen lassen, weil in der Stadt der Ministerialbeamten ohnehin kein Blumentopf zu gewinnen sei.

Mit 33,3 Prozent hielt Bonn bei den Wahlen 1976 einen guten fünften Platz auf der Tabelle der Städte Nordrhein-Westfalens, in denen die CDU um Längen vorn liegt. Ehmke glänzt jetzt durch ungewöhnliches Engagement, einen hautnahen, freundlichen, populären Wahlkampf; die verschlafene Hauptstadt-CDU ist spät aufgewacht. Ihr Kandidat Alois Hauser zählt zu den Unscheinbaren von den Hinterbänken; sogar sein Nachfolger für 1984 steht schon fest. Die Union hat hier immer darauf gesetzt, daß die meisten Ministerialbeamten sich nach einer CDU-Regierung zurücksehnen. Das mag so gewesen sein. Aber sehnen sie sich nach einem Kanzler Strauß? Die besonders hohen Verluste der Union in der Hauptstadt bei den Landtagswahlen im Mai sprechen eher für Unbehagen am Kandidaten. Das könnte Ehmke zugute kommen. –