Von Theodor Eschenburg

Ein Hirtenbrief der katholischen Bischöfe zur Bundestagswahl hat zur empörten Reaktion der Regierungsparteien geführt. Am 21. September soll er von allen Kanzeln verlesen werden. Die Katholiken werden darin verdeckt, aber unschwer erkennbar aufgefordert, der CDU/CSU ihre Stimme zu geben. An der Koalition wird^–angepaßt an die Wahlkampfthematik der Union – scharfe Kritik geübt.

Hirtenbriefe sind Rundschreiben eines Bischofs oder einer Bischofskonferenz, die im Gottesdienst von der Kanzel verlesen und in den Kirchenblättern abgedruckt werden – Stellungnahmen zu seelsorgerischen und kirchenpolitischen Fragen. Sie haben nicht erst 1980 zu Streitigkeiten geführt, sondern schon seit der Reichsgründung im Jahre 1871.

Damals gab es das schnell anwachsende Zentrum, eine katholische Defensivpartei gegen die protestantischen Preußen. Ihre Angriffe und die der Hirtenbriefe richteten sich in erster Linie gegen die Politik Bismarcks. Unter ihm wurde schon 1871 den Religionsdienern verboten, Staatsangelegenheiten in "einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise" zu erörtern. (Kanzelparagraph). Das war der Anfang vom "Kulfürkompt zwischen preußischer Regierung und katholischer Kirche (1871–1887). Geistliche kamen ins Gefängnis, Bischöfe wurden verbannt.

Den Kanzelparagraphen gibt es längst nicht mehr; die Hirtenbriefe sind geblieben. Sie warben vor den Wahlen für die Zentrumspartei, In der Weimarer Republik richteten sie sich nicht allein, aber in starkem Maße gegen die Sozialdemokraten. Noch 1931 war es nach päpstlichen Enzykliken unvereinbar, ein "guter Katholik und ein wirklicher Sozialist" zu sein. Also durfte ein Katholik der Sozialdemokratie bei Wahlen nicht seine Stimme geben.

Als 1945 die überkonfessionelle CDU/CSU gegründet wurde, entstand auch das katholische Zentrum wieder; es hat sich aber nur wenige Jahre als kleine Partei gehalten. Die Kirche ließ es fallen. Der CDU ging es sehr darum, den Segen beider Kirchen zu erhalten. Die katholische Bischofskonferenz gewährte ihn; in Hirtenbriefen bot sie Unterstützung. Die protestantische Kirche erklärte zwar zurückhaltend ihr Wohlwollen, bestand jedoch bald auf ihrer Neutralität gegenüber den Parteien.

Dürfen Kirchen rechtlich Wahlbeeinflussung ausüben? Juristisch sind sie Körperschaften des öffentlichen Rechts, aber sie unterstehen faktisch keiner Staatsaufsicht. Überdies ragt die Kirchenpolitik weit in den weltlichen Bereich hinein – siehe Bekenntnisschule oder Abtreibung. Wo verläuft die Grenze?