Von Brandt bis Schmidt: Bilanz der Entspannung im sozial-liberalen Jahrzehnt

Von Josef Joffe

Es drohte der langweiligste Urnengang seit Geburt der zweiten deutschen Republik; zu groß war der Abstand zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß. Doch als sich der einschläfernde Wahlkampf in die letzte, die "heiße" Phase quälte, erhielten die scheinbar ab – geschlagenen Christdemokraten unverhoffte und ungewollte Wahlhilfe aus dem Lager der Kommunisten jenseits von Elbe und Oder-Neiße.

Afghanistan war schon halb vergessen, da drängten die Arbeiteraufstände in Danzig und Stettin plötzlich wieder das Reizthema "Entspannung" in das Bewußtsein des westdeutschen Wahlvolks. Das erste Opfer der Streikwelle war nicht die deutsche, sondern die bundesdeutsche Führung. Erst mußte Parteichef Gierek seinen Hamburg-Besuch absagen, dann Bundeskanzler Schmidt seine Reise in die DDR. Damit war ein sorgfältig ausgeklügeltes Entspannungsszenario geplatzt, das die Bonner Regierung pünktlich zum Wahlkampf in den stimmenträchtigen Glanz erfolgreich praktizierter Friedenspolitik getaucht hätte.

Zusammen mit Gierek und Honecker hätte Schmidt den Beweis liefern können, daß die sozialdemokratische Entspannungsstrategie, vor elf Jahren gegen den erbitterten Widerstand der CDU/CSU aus der Taufe gehoben, auch nach Afghanistan erfolgsträchtig war. Der Händedruck über Mauer und Oder-Neiße hinweg hätte demonstriert, daß die europäische Entspannung selbst dann noch floriert, wenn die Temperatur zwischen den beiden Supermächten unter den Nullpunkt sinkt.

Diese schöne Rechnung durchkreuzten die aufständischen polnischen Arbeiter. In Bonn machte sich ein Alptraum breit: Während der Bundeskanzler mit seinem ostdeutschen Amtskollegen am Werbellinsee gesamtdeutsche Eintracht zelebriert, gehen ein paar hundert Kilometer weiter östlich Militär und Miliz gegen die Streikenden vor. Oder, schlimmer noch: Während Schmidt dem sowjettreuen DDR-Regime seine Reverenz erweist, marschieren in Polen sowjetische Truppen mit dem Auftrag zur gewaltsamen Gleichschaltung ein. Knapp zwei Monate vor der Wahl hätte diese Nachtmahr nicht nur das Ende der europäischen Entspannung, sondern wohl auch das Ende der sozialdemokratischen Herrschaft in Bonn bedeutet.

Auch die vorbeugende Absage an Ostberlin lieferte der christdemokratischen Opposition noch reichlich Wahlkampfmunition. Mit seinem Rückzieher schien sich der Kanzler immerhin der Parole zu unterwerfen, die sein Rivale Franz Josef Strauß ein paar Tage zuvor ausgegeben hatte: "Ich würde in der gegenwärtigen Lage nicht fahren." Und hinterher höhnte der außenpolitische Sprecher der Ünionsfraktion, Werner Marx, der Kanzler hätte das Honecker-Treffen erst dann abgeblasen, "als die Peinlichkeit nicht mehr zu-überbieten war".