Von Dietrich Strothmann

Hannover, im September

Die Bilder täuschen, zum Beispiel das von Helmut Schmidt und Gerhard Schröder. Mit dem gestellten Doppelporträt, geschossen beim Kandidaten-Phototermin in im Kanzleramt – pro Minute ein Kameraklick – wirbt der niedersächsische Abgeordneten-Kandidat in seinem Wahlkreis 38, Hannover-Land. Schmidt lächelt ihm väterlich-freundlich zu, Schröder spricht ihn lässig-jungenhaft an. Dabei haben sich die beiden, der Kanzler und der ehemalige Juso-Vorsitzende, bisher nur ein einziges Mal richtig gesehen, in einer Zwei-Stunden-Unterhaltung. ("Der Grenzschutzposten an der Pforte wollte mich erst gar nicht durchlassen, weil ich zu Fuß gekommen war.") Also; Sie kennen einander, mehr aber auch nicht.

Freilich verhehlt der 36jährige Rechtsanwalt, der den weiten Sprung in den Bundestag wagen will und im Wahlkampfvorfeld von seinen Kontrahenten längst als roter Bürgerschreck abgestempelt wurde, seine Hochachtung vor dem Regierungschef mit keiner gekünstelten Miene, Schröder steht zu Schmidt, Und er wird, so verspricht er glaubhaft, nichts mit anderen linken Sozialdemokraten unternehmen, was den Kanzler zu der gewohnt-gefürchteten Rücktrittsdrohung veranlassen könnte. "Wenn Wehner schreit, Schmidt droht und Brandt bittet", dann weiß der linke politische Eleve Schröder, so links er auch immer sein mag, was die Glocke geschlagen hat. Wenn sie sich auch nur flüchtig kennen, wenn sie sonst auch so manches aneinander auszusetzen haben mögen – so gesehen jedenfalls läßt der Kandidat auf den Kanzler nichts kommen.

Mögen die Strauß-Kämpen auch noch so deftig über die "Moskau-Fraktion", die "Fraktion der Ultralinken" poltern, die durch rechten Auszug und linken Zuzug nach dem 5. Oktober angeblich auf siebzig Mann anwächst (tatsächlich werden es im Höchstfall dreißig sein), für Schröder steht eines fest: Abgewichen wird im Ernstfall nicht. Dafür hat er, auch wenn es ihm noch so schwerfallen sollte, in Bonn – und was für einen Neuling alles zu diesem Begriff dazugehört – heimisch zu werden, zuviel Respekt vor der Macht, zuviel Sinn für Solidarität, zuviel Augenmaß für Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, auch zuviel Gefühl für Nestwärme, wie sie ihm die Partei bietet.

Das rote Markenzeichen vom "Bürgerschreck" aber bleibt an ihm, unübersehbar, der Ansteckknopf vom linken Sektierer und strammen Störenfried. Ihm wird so schnell nicht geglaubt, wenn er versichert, er lasse sich auch künftig weder von anderen alten und neuen Linken einvernehmen (ob von den Coppiks oder den Janssens), noch von inzwischen angepaßten Ex-Linken (wie dem ehemaligen Juso-Oberen Wolfgang Roth). Überhaupt schreckt Gerhard Schröder weniger das Feindbild, das von seinen Wahlkampfgegnern für ihn aufgebaut wurde, sondern eher der Anpassungsdruck und die Einpassungsmentalität, die ihn in Bonn von Seiten der Noch-Linken und Fast-Linken erwarten. Selbst seine alten Gefährten aus Juso-Tagen trauen ihm, der rationale Politik – etwa beim sozialen Wohnungsbau und in der Abrüstung – betreiben will, inzwischen nicht mehr so ganz über den Weg; ihr Vorwurf, der ihn trifft, lautet: "linker Staatsmann". Wie, andersherum, Anhänger der gerade im Niedersächsischen verwurzelten Kanalarbeiterriege auch heute noch nicht bereit sind, sich für Schröder gegen dessen CDU-Gegenkandidaten rückhaltlos zu schlagen. "Dabei verteilt meine Frau Anne regelmäßig Flugblätter in Egon Franke" Wahlkreis, und ich klebe für ihn Plakate mit."

Zweifel an Gerhard Schröder Sie beruhen einmal, bei den alten Vormännern, auf dem unbewiesenen Verdacht, daß er sich seine Samtpfoten nur aus wahltaktischen Gründen zugelegt hat.