Herrschaft kann, vorübergehend, auf polizeilicher Macht ruhen. Der Tyrann kann mit seiner brutalen Prätorianergarde regieren; er muß nur jede Regung des Widerstandes mit Mord beantworten. Moral spielt dann keine Rolle. Dagegen: Eine Klasse oder Gruppe, welche lange über eine Mehrheit herrschen will, muß überzeugt sein, sie sei besser als die anderen; ihre Herrschaft diene auch der Allgemeinheit. Eine Herrschaft ist nur so lange legitim, wie die Herrschenden an die Legitimität glauben.

Stalin, ein Mörder mit mehr Opfern als Hitler, stieß erst an seine Grenzen, als seine Prätorianer entdeckten, daß der Terror sich nicht nur gegen die Unterdrückten, sondern auch gegen sie richtete. Die Nachfolger führten die "sozialistische Gerechtigkeit" ein; der Massenterror endete. Damit gaben sie von der Macht im Inneren einiges her. Aber immer noch wußten sie sich im Besitze der ihnen von Marx und Lenin überlieferten Wahrheit. Die Welt, hatte Marx sie gelehrt, steuert unaufhaltsam, mit der Sicherheit eines Naturgesetzes, auf einen historischen Endzustand. Die Kapitalbesitzer werden die Arbeitenden immer mehr ausbeuten; am Ende werden wenige alle Produktionsmittel besitzen, die Masse wird im Elend enden. Dann wird das Volk aufstehen und das angesammelte Kapital in genossenschaftliches Eigentum überführen. Aus der ausgebeuteten Arbeiterklasse werden "freie assoziierte Produzenten"; vom Druck befreit, werden sie vernünftig und gerecht sich selbst regieren. Die Zeit des Überflusses wird anbrechen. Jeder arbeitet freiwillig, aus Freude; niemand nimmt mehr als er braucht.

Den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus werden – so Marx – die Intellektuellen bewirken; sie helfen dem Proletariat bei der Expropriation der Expropriateure – und verschwinden nach dem Sieg zugleich mit dem Staat. Nicht ganz freilich. Marx: Die assoziierten Produzenten brauchen zwar keinen Staat, aber Soldaten, sie zu verteidigen, und Lehrer, sie zu unterrichten. Auf diese Hilfe beim Umsturz und die beratende (nicht beherrschende) Stellung der Intelligenz stützt sich der Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei; der Anspruch von der "führenden Rolle der Partei". Herrschen – notfalls töten – kann die Kommunistische Partei, solange sie an Marx fest glaubt.

Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie mächtig Marx’ Schriften, die frühen noch mehr als das "Kapital", die deutsche Arbeiterschaft geformt hätten. Dasindustrielle Zeitalter hatte zuerst Tausende, dann Millionen aus ihren elenden Arbeitsstätten als Landarbeiter oder Kleinbauern in die Industrie der Städte gezogen. Sie lebten in der Stadt nicht besser und nicht schlechter als zuvor auf dem Lande. Dort aber hatten sie ihr Elend dem Wind, dem Wetter und dem lieben Gott zuschreiben können. In der Stadt, in der Industrie, inmitten wachsenden Reichtums der Wenigen, sahen sie sich als Klasse ausgestoßen. Mit jedem Mehr an Industrialisierung wuchs der unbändige Wille, diesen Ungerechtigkeiten ein dramatisches Ende zu bereiten. Ihre Gegner waren nicht einmal so sehr die Handvoll ganz Reicher; auch und gerade die arrivierten Handwerker und die ganze Angestelltenschaft ("weißer Kragen") schauten auf sie herab.

Da kam Marx mit seiner Prophetie. Er lehrte die Arbeiter, sie nähmen teil an einem großen historischen Prozeß, der naturgesetzlich sicher mit dem Siege der Arbeiterschaft enden müsse. Ja, je elender es den Massen gehe, desto näher sei der Sieg. Spöttisch sagt man, damals sei das "Kapital" die Bibel der Proletarier gewesen. Sie war es. Sie wies den Elenden eine Rolle in der Weltgeschichte zu und versprach ihnen Erlösung.

Gewiß zweifelten später (gegen die Jahrhundertwende) auch einige Kommunisten am naturgesetzlichen Übergang zum Kommunismus. Denn die von Marx mit Sicherheit vorhergesagte fortschreitende Verelendung der Arbeiter, gar der massenhafte Untergang der kleinen Selbständigen passierte nicht. Als Marx um 1850 gedacht und geschrieben hatte, ging (das vermittelte ihm Engels) der Reallohn der Arbeiter zurück; Verelendung fand in England tatsächlich statt. Aber in der deutschen Wirtschaft gab es zwar Rückschläge, dann: ging es stets kräftiger bergauf. Als Eduard Bernstein (um 1900) die Gesetzlichkeit der von Marx vorhergesagten Entwicklung zu bezweifeln wagte; als er sagte: Man müsse sich nicht auf ein Naturgesetz berufen, sondern auf ethische Grundsätze, die die Gleichheit aller Menschen verlangten, begegnete er wütendem Widerstand seiner Genossen, Bebel voran. Lenin sprach von "Bernsteinerei". Da sollte den Arbeitern der Glaube genommen werden, der die Hoffnung ernährte. Statt eines strahlenden Sieges mühevolle Kämpfe um kleine Fortschritte. Freilich war es der Widerstand einiger Theoretiker; in der Praxis hatten viele Arbeiter angefangen, ihr Recht durch Zusammenschlüsse in Gewerkschaften und durch Streiks zu wahren. Als der "Revisionismus-Streit" ist die Auseinandersetzung in die politische Geschichte eingegangen. Er war bei Kriegsausbruch 1914 noch nicht beendet.

Lenin jedenfalls ging mit Marx in Kopf und Herz nach Rußland. Er wollte Marx’ Verheißung in Rußland verwirklichen. Allerdings traute er den Arbeitern die Revolution nicht recht zu. Die Intellektuellen – also Lenin und seine Kameraden – sollten nicht so schnell in die beratende Rolle für die "freien assoziierten Produzenten" zurückkehren. Die Partei wurde wichtiger. Dabei war Lenin nicht zimperlich. "Erschießen" war sein Lieblingswort; Revolutionen verlangen Blut. Aber Lenin, so dachte er, erschoß um einer gerechten Sache willen. Er tötete, weil er verwirklichte, was die Geschichte vorschrieb. Kein Zweifel: Lenin und seine Kameraden meinten, einer heiligen Sache zu dienen: Glück und Gerechtigkeit für die Arbeiterklasse.