Von Hans-Georg Rauch

Am 1. Januar fassen meine Göttin und ich den Vorsatz, aufs Land zu ziehen. Uns schwebt ein norddeutsches Bauernhaus vor: Fachwerk, Sprossenfenster, alte Eichen vor der Tür. Gleich morgen suchen wir uns einen Makler.

16. Januar. Anruf des Maklers: "Herr Rauch, ich bin fündig geworden." Es klingt wie ein Fanfarenstoß, der uns unser Traumobjekt verheißt. Am Nachmittag ist Ortstermin. In einer heruntergewirtschafteten Kate auf einem verkommenen Grundstück erfahren wir alles über eine verpfuschte Ehe mit einem Alkoholiker. Wir fliehen entsetzt.

19. Januar. Im Immobilienteil der Zeitung entdecken wir einen Makler, der zu haben scheint, was wir suchen. Der Mann fährt uns zu einem Hof vor den Toren der Stadt. Den Baumstümpfen nach zu urteilen, muß das Haus noch vor wenigen Tagen von uralten Eichen umstanden gewesen sein. Der Makler klärt uns auf: Der Pächter, dieser Schelm, wolle verhindern, daß der Eigentümer das Grundstück verkauft.

20. Januar. Zwei weitere Höfe aus des Maklers Angebot sind offenkundig abbruchreif. Doch der Makler entdeckt seinen Sinn für die Tradition und meint, wir sollten die alte Bausubstanz erhalten: "Da stecken Sie allerhöchstem noch mal 100 000 Mark rein." Ich bin zu müde, um dieses Gespinst aus Beredsamkeit und Bauernschläue zu bekämpfen.

27. Januar. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, unsere Wochenenden in den verschiedenen Landstrichen der norddeutschen Tiefebene zu verbringen. Heute haben wir in Schleswig-Holstein einen traumhaft schönen Haubarg gesehen, direkt an der Bundesstraße nach St. Peter-Ording. Ich hätte dem Makler besser vorher sagen sollen, daß wir keine Eisbude eröffnen wollen. Der Mann zeigt uns gleich noch ein Anwesen; es ist umgeben von Förderbändern der angrenzenden Bauernhöfe. Ich höre ihr Gekreisch in spätsommerlicher Schwüle, vor meinem Schlafzimmer tuckert romantisch ein Trccker ... Unser Makler lädt uns zum Mittagessen ein. Er schwört Stein und Bein, nun wisse er ganz gewiß, was wir suchen.

30. Januar. Es soll ein Traumhaus sein. Die Pläne für den Umbau sind atemberaubend. Als wir vor dem ehemaligen Forsthaus stehen, droht mich der Schlag zu treffen: Diese Umbauleiche soll 430 000 Mark kosten. Der Makler versucht, den Schock zu lindern: "350 000." Als sich mein Zustand nicht merklich bessert, verheißt er uns: "Wenn Sie die Courtage für 350 000 Mark zahlen, will ich es für 250 000 möglich machen!" Wer wäre von soviel Entgegenkommen nicht erschüttert gewesen.