Von Daniel Dagan

Im Flugzeug nach Moskau saßen wir unter Kollegen und plauderten über Politik. Hinter uns wußten wir die Sondermaschine des Kanzlers. Sie war erst später gestartet. Diesmal folgte Helmut Schmidt uns – und nicht umgekehrt.

Unter einigen Journalisten kursierte ein sogenanntes "vertrauliches Dokument", das angeblich von einem Mitarbeiter des Kanzlers abgefaßt worden war. Darin wurde – für den Vorstand der SPD – der amerikanische Präsident "vertraulich" unter die Lupe genommen: In Venedig soll Schmidt herausgefunden haben, Carter sei mangelhaft informiert gewesen über den Nato-Doppelbeschluß (Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa bei gleichzeitigem Verhandlungsangebot an den Osten).

Wieder einmal konnte der Kanzler den Präsidenten belehren, konnte er Kompetenz und Sachkenntnis demonstrieren. Was auch immer sich in Venedig zugetragen haben mochte, der Inhalt des Vorstandsberichts entsprach jenem Kanzlerimage, das sich bei manchen – zu Recht oder zu Unrecht – festgesetzt hat: Helmut der Große, der die Weltkugel auf der Fingerspitze belanciert und dreht, und dabei die Krisenherde lokalisiert und beherrscht. Afghanistan war schon fast vergessen, die Ost-West-Gespräche waren dank Schmidt wieder aufgenommen. Wir aber waren auf dem Weg, um bei einer großen politischen Show zu assistieren. Vielleicht sollte es auch mehr als nur eine Show sein. Indes: Der Wahlkampf hat begonnen.

Einen anderen Großen erlebte ich dieser Tage in Kassel. Wir saßen im Ruheraum des Kanzlerkandidaten, in einem plakatierten Bus. Strauß brauchte Bier und Sekt und Zeit, um all seine Gedanken loszuwerden – und um seine Kompetenz und Schlagfertigkeit wieder einmal vorzuführen. Er genoß es, seinen Gegner als Maulhelden, Schauspieler, gar als unfähigen Macher zu beschreiben. Und – nicht anders als Schmidt – schlüpfte er in seine Lieblingsrolle: Franz Josef der Große, der Weltgewandte, der auf der weltpolitischen Bühne zu Hause ist wie eh und je und wie kein anderer.

Er, Franz Josef Strauß, wäre kein Bayer mehr und das Mittelmeer befände sich im Pazifik und die Sahara am Nordpol, wenn die Russen den Herrn Schmidt nicht als Bundeskanzler für weitere vier Jahre wollten. Er habe sogar den starken Verdacht, daß Moskau dem Herrn Schmidt eine Wiederwahlhilfe leisten wolle, und es die Kremlherren deswegen vermieden, den polnischen Arbeiteraufstand mit Panzern zu brechen. Bei den wenig rosigen Wahlchancen des Kandidaten könnte man fast sagen: Kanzleramt hin, Kanzleramt her – für die polnischen Arbeiter hat sich der deutsche Wahlkampf in jedem Fall gelohnt.

Die eine große Show (Schmidts Treffen mit Gierek und mit Honecker) platzte, die andere Show (der von Strauß vermutete mögliche sowjetische Einmarsch) fand nicht statt. Trotzdem, der Kanzler und sein Gegenspieler sind zwei große Persönlichkeiten, zwei große Akteure der Weltpolitik.