Von Volker Mauersberger

Madrid, im September

Leopoldo Calvo Sotelo ist auf fast allen Erinnerungsphotos erschienen, die Spaniens Regierende nach ihrer Vereidigung bei König Juan Carlos gewöhnlich anfertigen ließen. Schon im Dezember 1975, als die allgemeine Staatstrauer für den soeben verstorbenen Franco vorüber war, stand der hochgewachsene Mann im Kreise des ersten Kabinetts von Arias Navarro. König und Regierungschef hatten, ihn zum neuen Handelsminister berufen. Schon damals war er ein "Mann der ersten Stunde".

Er blieb es, als Spaniens König ein halbes Jahr später den fast unbekannten Adolfo Suárez zum neuen Ministerpräsidenten berief und "Don Leopoldo" in der zweiten Reihe des Kabinetts, als neuer "Minister für öffentliche Arbeiten", erschien. "Er muß sich um unsere Wasserwirtschaft kümmern", forderten die Kritiker. Doch Calvo Sotelo fand kaum Zeit, sein neues Arbeitsgebiet zu inspizieren geschweige denn zu inspirieren. Ruhig, gründlich, mit einer zielstrebigen Strenge, die seine Freunde "unbarmherzig" nannten, dirigierte Calvo Sotelo statt dessen den Aufbau einer neuen spanischen Regierungspartei.

Erst nach einer Zwangspause von sechs Monaten kehrt er in das zweite Kabinett von Adolfo Suárez als Europa-Minister zurück – schon damals ein corcho, ein Korken, der auch bei stürmischem Wasser nicht untergehen will. Der herablassend wirkende Calvo Sotelo hat auch das jüngste Stühlerücken im Madrider Moncloa-Palast glänzend überstanden. Als selbst alte Freunde des Regierungschefs in einem hastig inszenierten Kabinettsrevirement ihre Ämter verloren, stieg Leopoldo Calvo Sotelo zur Schlüsselfigur hinter dem Ministerpräsidenten auf. "Wenn Leopoldo nur niest", sagt man im klatschfreudigen Madrid, "wird sich Adolfo (Suárez) mit Grippe ins Bett legen müssen."

Spaniens neuer Chef für die Wirtschafts- und Finanzpolitik hatte sich wohl kaum vorstellen können, daß er zu einer der wichtigsten Figuren der spanischen Innenpolitik, zu einem hombre clave, werden würde. "Politik sollte man in der Jugend beginnen, nicht als über Vierzigjähriger wie ich", sagte er vor wenigen Wochen einem Reporter, der ihn nach seinen Karriere-Absichten befragte. Der 54jährige "Minister für die Beziehung zur EG" ließ damals einen Anflug von Amtsmüdigkeit erkennen – und wußte zu jenem Zeitpunkt, daß er aus seinem kleinen Europa-Ministerium im Palacio de la Trinidad ausziehen würde. Mit dem Wirtschaftsressort hatte er selbst nicht gerechnet, doch beim Tausch der Ämter und Posten mischte er einmal mehr kräftig mit.

Wie viele seiner bekannten Parteifreunde wird Calvo Sotelo zu den "Baronen" gerechnet, die sich nicht nur auf einflußreiche Familienbande verlassen können, sondern Sympathien einer der drei innerparteilichen Gruppen im Rücken haben. Wer Karriere machen will, muß sich entweder zu den Sozialdemokraten um Fernandez Ordonez oder zu den klerikalen Christdemokraten zählen oder zum sector azul der Altfrankisten gehören. Bei Calvo Sotelo weiß freilich niemand so recht, welcher der drei Strömungen er zuzurechnen ist. "Lassen wir die Tinte auf der Ministerurkunde erst trocknen", rief er den Journalisten am Ausgang des königlichen Zar – zuela-Palastes zu, als sie ihn ungeduldig nach seinen politischen Vorstellungen befragten.