Klaus Harpprecht porträtiert den amerikanischen Gewerkschaftsboß Lane Kirkland

Der Blick aus Kirklands Arbeitszimmer streift die kleine goldene Kuppel der Presbyter-Kirche am Jackson Square und springt über die heroischen Statuen der Revolutionsgeneräle hinweg, um mit einer fast anmaßenden Direktheit aufs Allerheiligste der Nation: das Weiße Haus zu treffen. Winkt der Chef des Gewerkschaftsbundes AFL/CIO gelegentlich, Nachbar zu Nachbar, dem Präsidenten zu? Ganz so gemütlich geht es in Washington schon lang nicht mehr zu.

Dennoch suchten die Kommandeure der Arbeiterbewegung die Nähe des Weißen Hauses nicht nur, um Macht und Selbstbewußtsein zu demonstrieren, sondern die Zugehörigkeit zum "System". Sie betrachten, wiederum seit Roosevelt, die Regierungsbehörden nicht als Gegner, die ihre Streikposten niederknüppeln lassen, sondern als Partner – und manchmal als Alliierte, verläßt licher als die Herren im Kongreß, die sich allzu oft und allzu willig in den Dienst der Kapitalinteressen nehmen lassen.

Es gab Perioden der eisigen Distanz. Lane Kirkland, damals noch Schatzmeister des Verbandes und Nummer zwei in der Hierarchie, hatte die-Ehre, in Richard Nixons berüchtigtes "Feind-Register" eingetragen zu werden. Mit Jimmy Carter hingegen ist der Verkehr durchaus nachbarlicher. Kirkland unterstützte seine Kandidatur im Jahre 1976 mit der Mobilisierung seiner Hilfstruppen in den Fabriken des Landes. Das hielt ihn nicht davon ab, der Regierung kräftig die Leviten zu lesen, wenn er glaubte, sie wiche vom rechten Weg der Fürsorge für die Benachteiligten und Schwachen ab. Die radikalen Kürzungen des Haushalts im Frühjahr 1980, die allemal zu Lasten der Sozialleistungen gehen, kommentierte er mit rüder Verachtung: Jeder Esel, sagte er, könne ein ausgeglichenes Budget aufs Papier malen. Gegen die Inflation sei mit solcher Augenwischerei nichts ausgerichtet. Die habe andere Ursachen: Energiepreise, hohe Zinsen und die sich türmenden Kosten der Arbeitslosigkeit, doch ganz gewiß nicht die Löhne, da die amerikanischen Arbeiter im Durchschnitt einen Einkommensverlust von sieben Prozent pro Jahr hingenommen hätten.

Die Verteidigungskosten nannte Kirkland nicht. An die läßt auch der Nachfolger des großen Patrioten George Meany nicht rühren, und darin ist er, wenigstens seit Afghanistan, mit Nachbar Jimmy einig. Die beiden prüfen von Zeit zu Zeit die Lage der Welt bei einem Abendessen, an dem nur die Frauen teilnehmen, beides bemerkenswerte Damen, obschon recht unterschiedliche Naturen: Rossalyn, die stählerne Magnolie aus Plains mit ihrer wachsamen Gespanntheit und ihrem spröden Charme scheint dennoch mit Irena, geborene Neumann, zu harmonieren. Die könnte ihre europäische Herkunft nicht verbergen, selbst wenn sie es wollte, eine tschechische Jüdin, deren vitale Schönheit und zärtlich inteligente Neugier für die großen und kleinen Wunder des Lebens von den Jahren im Konzentrationslager nicht gebrochen wurden.

Die Verständigung zwischen dem Präsidenten und Gewerkschafter ist dank der gemeinsamen Heimat in den Südstaaten einfach und vertraut. Lane Kirkland stammt aus Camden in North Carolina. Sein Vater nährte die Familie als Ankäufer der Baumwollproduktion. In Kirklands Jugend regierten die Spinnereien unangefochten über die Städtchen und Dörfer, die ihnen gehörten: sie kontrollierten die Banken, den Kleinhandel und wer seinen Job verlor, war in der Regel auch sein Häuschen los: "Die beste Erziehung, ein Linker zu werden", stellte Kirkland im Rückblick auf seine Jugend fest.

Unaufdringliche Autorität