Die Gegner und die Opfer waren nicht gekommen: Hansgünther Heyme nicht, Stuttgarts Schauspieldirektor, dem die Theaterkritik das Leben verleidet; Boy Gobert nicht, jetzt Intendant in Berlin, den mehr als alles andere jene "Mißachtung" kränkt, mit der die Kritiker seine Thalia-Theater-Arbeit angeblich straften. Und es war auch keiner von den zahllosen Verbitterten aus Bundesrepublik und Donaumonarchie erschienen, in deren Augen das deutsche Theater, von der deutschen Theaterkritik verführt, längst zur Brutstätte von Sozialismus und Pornographie verkommen ist.

In Berlin, im Foyer der Freien Volksbühne, traf sich, was in der Fremde und unter Feinden nur "die Mafia" heißt: Die Zeitschrift Theater heute feierte (mit aktiven und ehemaligen Mitarbeitern) ihr zwanzigjähriges Bestehen. Henning Rischbieter, Herausgeber und Redakteur vom ersten Tag an, hielt, angenehm unvorbereitet, eine Rede, keine Rede; ein Reporter vom RIAS, gerade auf Live-Sendung, eilte mit dem Mikrophon durchs Foyer, was einige Festgäste zu spontanen theaterhistorischen Kurzreferaten animierte; Kurt Hübner, Berliner Intendant, drohte wieder einmal von Bremer Erinnerungen übermannt zu werden, worauf Rischbieter den offizielleren Teil des Festes rasch beendete, der privatere (hier nicht beschreibbare) begann.

Sehen so die Mafiosi aus? So wie die in Berlin versammelten, nicht mehr ganz jugendlichen, überaus bürgerlichen Herren, die es allesamt weit gebracht haben in ihrer Karriere? Und sieht so wie Rischbieter "der Pate" aus? Wie er da vor seinen Gästen stand, zögernd, fragend, schwer und schwermütig redend, war er einem im rauhen Dienst ergrauten Sheriff viel ähnlicher als dem Haupt eines Gangstersyndikats. So wirkte das Treffen der Mächtigen manchmal wie ein Veteranentreffen. Das deutsche Theater und Theater heute haben ihre heroische Zeit längst hinter sich.

Der Grund dafür, ganz platt gesagt: Die Rebellen von 1970 sind die Intendanten von 1980, das Oppositionsblatt Theater heute ist heute ein Regierungsorgan. Die Zeitschrift hat, was das Gerede über die "Mafia" nicht rechtfertigt, aber verstehbar macht, mehr erreicht als Theaterkritik je zuvor; sie hat Macht gehabt und Macht benutzt, auf eine Weise allerdings, die den Feindbildern nicht entspricht. Liest man die Chronik "Theater 1960 bis 1980", die Rischbieter für das gerade erschienene Jahresheft geschrieben hat, merkt man, daß die Zeitschrift nie ein Organ der Kulturrevolution war, sondern eine durchaus konservative Institution, immer pluralistisch, sich selbst immer wieder widersprechend. Sie hat das: Subventionssystem immer zweifelnd verteidigt. idee befeuert und doch die Autokraten und Monomanen des Theaters, die Regisseure, zum Mittelpunkt der Welt erklärt. Und zwei Jahrzehnte lang hat das angeblich "linke" Theater heute einen angeblich "rechten" Regisseur mit der hartnäckigsten Bewunderung verfolgt: Rudolf Noelte.

Vieles im deutschen Theater wäre ohne Theater heute nicht möglich gewesen; daran erinnerten beim unfestlichen Berliner Festakt Kurt Hübner mit einem romantischen Auftritt, Ivan Nagel mit einem analytischen Beitrag. Nagel auch stellte die Frage, welche vergleichbare historische Leistung das zwanzigjährige Theater heute in den nächsten zwanzig Jahren vollbringen könnte. Er selber gab keine Antwort, vielleicht gibt es auch keine. Das alte Subventionstheater scheint im Augenblick unbedroht, die neuen Machtpositionen sind es vorerst wohl auch – selbst wenn Claus Peymann, um sich selber in Fahrt zu halten, eine Situation ständiger politischer Gefährdung suggeriert. Rischbieter teilt solche Ängste nicht; womit sich sein Blatt zwar angenehm von der allüblichen Theater-Hysterie absetzt, andererseits aber auch, bisweilen in Gefahr gerät, eine gewisse hannoversche Bedächtigkeit zur Behäbigkeit zu radikalisieren.

Manche Regisseure, von der Kritik über die Maßen verwöhnt, glauben, daß sie die Theaterkritik und Theater heute nun nicht mehr brauchen. Rischbieter hat, eigene Müdigkeiten und die seiner Mitarbeiter heroisch überdauernd, nie kapituliert – das erklärt seine Macht und beschreibt ihren Preis. Er ist ein Theaterarbeiter für die grauen wie für die glanzvollen Jahre. Seine Zeitung wird einstweilen noch dringend gebraucht. In zwanzig Jahren, wenn Theater heute vierzig, Rischbieter dreiundsiebzig ist, wenn die Jungintendanten von heute längst Prinzipale, die Großkritiker längst Altkritiker geworden sind, dann, ja dann wird man vielleicht allmählich über das Ende von Theater heute nachdenken müssen. Benjamin Henrichs