Von Jürgen Habermas

Nach den Malern und Filmemachern sind nun auch die Architekten zur Biennale in Venedig zugelassen worden. Das Echo auf diese erste Architekturbiennale war Enttäuschung. Die Aussteller in Venedig bilden eine Avantgarde mit verkehrten Fronten; unter dem Motto "Die Gegenwart der Vergangenheit" opferten sie die Tradition der Moderne, um für einen neuen Historismus Platz zu machen. Aus diesem Anlaß stellt der Kritiker der FAZ eine These auf, die über den Anlaß hinaus Zeitdiagnostische Bedeutung hat: "Die Postmoderne gibt sich entschieden als eine Antimoderne.

Dieser Satz gilt für eine affektive Strömung, die in die Poren aller intellektuellen Bereiche eingedrungen ist und Theorien der Nachaufklärung, der Postmoderne, gar der Nachgeschichte auf den Plan gerufen hat. Damit kontrastiert Adorno und sein Werk. Adorno hat sich dem Geist der Moderne so vorbehaltlos verschrieben, daß er schon in dem Versuch, die authentische Moderne von bloßem Modernismus zu unterscheiden, jene Affekte wittert, die auf den Affront der Moderne antworten.

Die Alten und die Neuen .

Lassen Sie mich den Begriff der kulturellen Moderne mit einem kurzen Blick auf die lange, von Hans Robert Jauss erforschte Vorgeschichte erläutern. Das Wort "modern" ist zuerst im späten 5. Jahrhundert verwendet worden, um die soeben offiziell gewordene christliche Gegenwart von der heidnisch-römischen Vergangenheit abzugrenzen.

Mit wechselnden Inhalten drückt "Modernität" immer wieder das Bewußtsein einer Epoche aus, die sich zur Vergangenheit der Antike in Beziehung setzt, um sich selbst als Resultat eines Übergangs vom Alten zum Neuen zu begreifen.

Das gilt nicht nur für die Renaissance, mit der für uns die Neuzeit beginnt. Als "modern" verstand man sich auch in der Zeit Karls des Großen, im 12. Jahrhundert und zur Zeit der Aufklärung – also immer dann, wenn sich in Europa das Bewußtsein einer neuen Epoche durch ein erneuertes Verhältnis zur Antike gebildet hat. Dabei hat die antiquitas als zur Nachahmung empfohlenes Vorbild gegolten. Erst mit den Idealen der französischen Aufklärung, mit der durch die moderne Wissenschaft inspirierten Vorstellung vom unendlichen Fortschritt der Erkenntnis und eines Fortschreitens zum gesellschaftlich und moralisch Besseren, löst sich der Blick aus dem Bann, den die klassischen Werke der antiken Welt auf den Geist der jeweils Modernen ausgeübt hatten.