Sie wollen eine neue Zeitschrift mitgründen, mitdirigieren. Vor gar nicht langer Zeit haben Sie eine andere Zeitschrift, die Sie auch mal gegründet hatten, mit dem sonderbaren Satz verlassen: "Ich habe mich überflüssig gemacht." Was läßt Sie annehmen, daß Sie jetzt nicht überflüssig sind?

Hans Magnus Enzensberger: Ich habe nach zehn Jahren die "Dreckarbeit" am Kursbuch aufgegeben, das heißt den mühsamen redaktionellen Alltagskram, aber mein Interesse an der Zeitschrift ist völlig ungebrochen. Es heißt im Impressum "Herausgegeben unter Mitarbeit von Hans Magnus Enzensberger", und das ist auch richtig, weil ich sowohl verlegerische Funktionen behalten habe als auch an der redaktionellen Planung nach wie vor beteiligt bin. Nur sollte ein Impressum genau mit der Wahrheit übereinstimmen, und deswegen wäre es nicht richtig gewesen, so zu tun, als würde ich weiterhin für jede Seite des Textes haften. Wenn in Wirklichkeit die Arbeit von anderen gemacht wird, dann muß das auch so drinstehen. Deshalb in aller Klarheit: wegen Transatlantik wird am Kursbuch nicht gerüttelt; das Kursbuch hat in Deutschland nach wie eine wichtige politische Funktion und ist ein Produktionsmittel, das auf keinen Fall aufgegeben wird.

Was ist so spezifisch neu am Konzept Ihrer neuen Zeitschrift, daß es Sie verführen kann, neben dieser Mitarbeit am Kursbuch und immerhin neben der Existenz des Autors Enzensberger sich auf eine solche Galeere zu begeben?

Es ist weniger eine Galeere als ein – zugegebenermaßen ziemlich enormes – Spielzeug. Das Konzept stammt von Gaston Salvatore und mir. Wir sind daran zu gleichen Teilen beteiligt. Die Grundvorstellung war einfach die, daß wir mit unseren Ideen nicht länger publizistisch unter uns bleiben wollten. Wir wollten aus der Zielgruppe der Einverstandenen ausbrechen. Und wir wollten auch andere Vertriebswege nutzen, wir wollten – Sie werden lachen – eine "Publikumszeitschrift" haben; ein merkwürdiges Wort, denn man sollte ja eigentlich annehmen, daß Zeitschriften immer für das Publikum gemacht werden.

Sie wollen sich also von Zeitschriften wie Merkur, Akzente, L 80 unterscheiden. Nun gibt es ja aber existierende Publikumszeitschriften, um diesen sonderbaren Terminus beizubehalten – etwa eine, mit der Sie hier gerade ein Gespräch führen. Es gibt auch andere, wie Spiegel oder stern oder demnächst wieder twen, also "Trägerraketen" für Ihre und Ihrer Freunde Ideen. Warum der Zwang oder der Spieltrieb, das eigene Spielzeug zu haben?

Es ist ein Unterschied, ob man sich eines Produktionsmittels bedient, über das ein anderer verfügt, oder eines, mit dem man selber arbeiten kann, wo man selbst bestimmen kann, wozu es da ist und was es in Bewegung setzen soll. Letzten Endes ist das keine formale, sondern eine inhaltliche Überlegung. Es ist ja nicht so, daß da zuerst ein Produktionsmittel vorhanden ist und dann werden die Ideen schon kommen, sondern zuerst muß man wissen, was drinstehen soll, und dann verschafft man sich das Instrument. Unser Hauptinteresse ist die Untersuchung der Wirklichkeit mit literarischen Mitteln– das ist unser Projekt, auf eine Formel gebracht. Diese literarischen Mittel sehe ich in erster Linie in der großen Reportage und in zweiter Line im Essay.

Es fällt doch auf, daß die große Tradition der literarischen Reportage in Deutschland seit langem abgerissen ist. Das möchte ich jedenfalls behaupten. Es war im Vormärz, es war in der Gründerzeit, es war in den zwanziger Jahren Tradition, daß Schriftsteller auch journalistisch arbeiten. Die Autoren haben damals gelernt, nicht nur zu schreiben, sondern auch zu recherchieren, die Fähigkeiten des Journalisten mit denen des Schriftstellers zu verbinden und mit einem gewissen Anspruch auf Genauigkeit und stilistisches Niveau eine Sache darzustellen, und zwar vom Giftmord bis zum Rüstungsgeschäft.

Diese Tradition ist abgerissen. Der Journalismus, den die Illustrierte verlangt, wird von der Farbphotographie bestimmt. Das Bild erschlägt den Text. Bei einer großen Illustriertenreportage gibt der Photograph den Ton an. Der Platz des Autors ist unerträglich eingeschränkt. Nach spätestens zwei oder drei Spalten finden Sie eine kleine Zeile, in der es heißt, "Bitte lesen Sie weiter auf Seite 238". Auf Seite 238 finden Sie dann, wenn, Sie Glück haben, noch zwei Spalten, und damit hat sich das. Die Tages- und Wochenpresse hat aus Aktualitäts,- oder aus Umfangsgründen, vielleicht auch aus Geldgründen, gar nicht den Platz für große Reportagen. Wer einen komplizierten Sachverhalt erforschen und darstellen will, braucht vielleicht 30 Schreibmaschinenseiten Platz und sechs Wochen Zeit.

Mehrere Stichworte, die auch Skepsis angebracht sein lassen. Glauben Sie, daß es wirklich so viele deutsche Autoren gibt, daß Sie Heft für Heft mit mindestens einer großen literarischen Reportage schmücken können?

Das ist eine der Sorgen des Hausvaters. Aber ich habe im Lauf des letzten Jahres, in unserer Vorbereitungsphase, festgestellt, daß da ein Bedürfnis vorhanden ist, nicht nur ein Bedürfnis von Lesern oder gar von Redakteuren, sondern auch ein Bedürfnis auf Seiten der Autoren. Ich kann mir nicht denken, daß die Leute, die in diesem Land schreiben, auf die Dauer mit dem Ich-Trip glücklich sein können, den eine gewisse Kritik zum literarischen Credo erhoben hat. Wir kennen alle diese Romane, wo jemand auf dem Sofa liegt und die Zimmerdecke anschaut und sich erinnert, wie er klein war und wie er dann Student wurde, wie er dann zur 68er Bewegung stieß, und wie dann seine Freundin weggelaufen ist, und er liegt immer noch auf seinem Sofa, dieser Held, und betrachtet die merkwürdigen, abblätternden Formen des Kalks, des Stucks da oben an der Decke: Das ist, glaube ich, eine Sache, der wir alle müde sind, nicht nur als Leser, sondern ich hoffe auch als Schreiber.