Von Karl-Heinz Janßen

Der alte Yügung, von dem die Leute sagten, er sei nicht ganz richtig im Kopf, ärgerte sich über zwei riesige Berge, die ihm den Weg nach Süden versperrten. Also machten er und seine Söhne sich daran, mit der Hacke in der Hand die beiden Hindernisse abzutragen. Da ihn ein weiser Alter ob so viel Dummheit verspottete, entgegnete Yügung, seine Kinder und die folgenden Generationen würden es schon schaffen: "Die Berge sind zwar hoch, aber sie können nicht mehr höher werden; um das, was wir abtragen, werden sie niedriger." Der Himmel meinte es gnädig mit ihm: Zwei Engel packten die Berge auf ihre Schultern und trugen sie fort.

Dieses Gleichnis, das sich Mao Tse-tung als "ständig zu lesenden Artikel" ausgesucht hatte, um seine Lehre zu verbreiten, mußten während der Kulturrevolution ungezählte Millionen Chinesen auswendig lernen, mitsamt der Erklärung, die Mao dazu geliefert hatte: "Heute liegen zwei große Berge als Last auf dem chinesischen Volk. Der eine ist der Imperialismus, der andere der Feudalismus." Die Massen, Chinas neuer Gott, würden sie hinwegbringen. Gelehriger Schüler seines Herrn, hielt Nachfolger Hua Guofeng noch vor zwei Jahren sein Volk an, China umzugestalten "im Geiste von Yügung, der Berge versetzte".

Solch revolutionäre Romantik ist nun nicht mehr gefragt. Vorsitzender Hua mußte es sich bieten lassen, daß eine Schanghaier Zeitung Maos Parabel verspottete: "Himmlische Geister haben niemals existiert."

Diese Geschichte kennzeichnet treffend den Wandel Chinas in den vier Jahren seit Maos Tod und dem Sturz der "Viererbande" – zugleich auch die Wandlungen des Vorsitzenden Hua, der von seinem Rivalen Deng Xiaoping nach und nach in eine Randposition gedrängt worden ist. Mit solch eiserner Disziplin, verpackt in lächelnde Gelassenheit, hat noch nie ein kommunistischer Regierungschef seinen Rücktritt erklärt wie Hua in der Sitzung des Volkskongresses. Zu seiner zweistündigen Rede vor dem (aufgewerteten) Parlament bemerkte der Economist: "Die Stimme gehört Hua Guofeng, die Rezepte stammen von Deng Xiaoping."

Alles, was Hua als Richtlinien des neuen Kurses verkündete, ist das Gegenteil dessen, was Mao in zehn Jahren Kulturrevolution durchgesetzt hatte und sein Nachfolger fortzusetzen gedachte. Marktwirtschaftliche Elemente, also "kapitalistische Einflüsse", weichen die Planwirtschaft auf; fleißige Arbeiter erhalten Leistungsprämien; die Betriebe genießen größere Handlungsfreiheit; Arbeiter, Angestellte und Bauern dürfen (in engen Grenzen) mitbestimmen; Leistungsprinzip und Fachwissen haben Vorrang vor kommunistischer Gesinnung und proletarischer Herkunft. Nicht mehr der "Klassenkampf" ist das "Hauptkettenglied" des Maoismus, sondern (Mao, hätte er’s gehört, würde sich im Mausoleum umdrehen) die "Verbesserung des Lebensstandards".

Was diese Kehrtwendung bedeutet, kann man ungefähr ermessen, wenn man sich vorstellt, Willy Brandt hätte seine gesamte Entspannungspolitik widerrufen, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen.