Johannes Itten: Künstler und/oder Lehrer

Von Petra Kipphoff

Kandinsky und Klee sind gebührend und kontinuierlich überfeiert, Feininger wegen allzu großer Popularität schon wieder in den Hintergrund geschoben, Schlemmer wurde nachgeholt, Albers auf dem Umweg über Amerika doppelt freudig heimgeholt und zum Klassiker vergeheimnist. Wo blieb bei dieser Tour d’horizon über die Jahre hinweg der Bauhaus-Maler Johannes Itten?

Immerhin hatte Itten 1919 am neu gegründeten Bauhaus den "Vorkurs" entwickelt und eingerichtet. Immerhin hat er bis 1967 gelebt und gearbeitet. Immerhin hatte Itten sich schon Anfang der zwanziger Jahre mit fernöstlicher Philosophie und Kultur beschäftigt und eingelassen, lebte 1923 in der Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft am Zürichsee und berief an seine 1926 gegründete Kunstschule in Berlin einen japanischen Lehrer für Tuschmalerei.

In der Biographie und Arbeit von Johannes Itten. ist manches, was ihn heute fast populär machen könnte, zumindest in der Generation jüngerer Künstler und bei den Vertretern der konkreten Malerei. Aber Itten ist heute, jenseits des großen Bauhaus-Zusammenhangs, kaum noch ein Name, mit dem sich irgendeine Vorstellung, mit dem sich die Erinnerung an irgendein Bild verbindet. Warum das so ist, wird einem klar in der umfangreichen Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum in Münster, die die Arbeit des Künstlers, des Theoretikers und Lehrers zeigt.

Johannes Itten, der Bergbauernsohn aus dem Berner Oberland, Jahrgang 1888, wußte zunächst nicht, ob er Musik oder Kunst studieren oder, seiner anfänglichen Ausbildung und einer vielleicht noch tieferen Veranlagung entsprechend, Lehrer und Erzieher werden sollte. Die ersten Bilder des gerade über Zwanzigjährigen sind spätimpressionistisch – so fing zu dieser Zeit fast jeder an, Mondrian einschließlich. Ein Hauch schweizerischer Naturfrömmigkeit kommt hinzu, ein lilafarbenes Pathos, das man von Amiet, von Hodler und Segantini kennt. Um 1915, Itten hat inzwischen bei Adolf Hölzel in Stuttgart grundsätzliche Lektionen über Aufbau und Struktur eines Bildes gelernt und sich mit Baumeister und Schlemmer befreundet, liegt über seinen Bildern der Schatten von Cézanne, und auch damit ist er ein Zeitgenosse. In den Jahren bis circa 1919, Itten war nach Wien gegangen und hatte dort die Bekanntschaft von Alma Mahler, Schönberg und Hauer gemacht, geraten die Formen und Farben in Bewegung, kristallisieren sich an einem Punkt, schwingen in Wellen und wirbeln in Strudeln. Delaunay und der Futurismus sind in der Nähe.

So weit, so gut, und hier ist der Punkt, an dem der begierige Schüler, der sprungbereite Zeitgenosse und aufmerksame Nachbar sich von allem hätte lösen und in die eigene produktive Einsamkeit begeben können. Aber Itten ging einen anderen Weg, die Herausforderung am "Bauhaus" machte ihn, der schon als Schüler gelegentlich die Rolle mit dem Lehrer getauscht und auch in Wien Unterricht gegeben hatte, nun ganz zum Pädagogen. Klee, der Kollege in Weimar, beschreibt in einem Brief an seine Frau den Vorkurs-Lehrer Itten, und das Ganze sieht aus wie eine Klee-Zeichnung, komisch und hintergründig: "Nachdem Itten einige Gänge gemacht hat, steuert er auf eine Staffelei zu, auf der ein Reißbrett mit einer Lage Schmierpapier steht. Er ergreift eine Kohle, sammelt sich, als ob er sich mit Energie ladete und geht dann plötzlich zweimal nacheinander los. Man sieht die Form zweier energischer Striche, senkrecht und parallel... die Schüler werden aufgefordert, das nachzumachen. Der Meister kontrolliert die Arbeiten, läßt es sich, von einzelnen Schülern extra vormachen, kontrolliert die Haltung... Dann erzählt er etwas vom Wind, läßt einige aufstehen und den Ausdruck ihrer Empfindung bei Wind und Sturm annehmen. Nachher gibt er die Aufgabe: die Darstellung des Sturmes."