Alte Kongreßhasen wissen es: Jeder Gewerkschaftstag ist für eine Überraschung gut. Bisher allerdings sieht man in der Frankfurter Zentrale der IG Metall noch keine Anzeichen eines aufziehenden Gewitters.

Auch vom Aberglauben an die "böse 13" – in Berlin beginnt in der nächsten Woche der 13. ordentliche Gewerkschaftstag der größten Einzelgewerkschaft der Welt – wissen sich die Funktionäre frei. Unser Kongreß, so die einhellige Meinung, steht im Zeichen der Mitbestimmungsdiskussion und in diesem Punkt gibt es keinen Streit.

In der Tat. Selten herrschte in der IG Metall und im gesamten Bereich des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in einer Frage in der letzten Zeit so vollkommene Einmütigkeit. Letzten Endes – So könnte man mit einigem Zynismus fast meinen – hat der Vorstandsvorsitzende des Mannesmann-Konzerns, Egon Overbeck, seinem Kontrahenten Eugen Loderer noch einen Gefallen getan, als er wenige Monate vor dem Kongreß mit seinen Plänen zur Umstrukturierung die Debatte um Für und Wider der Montan-Mibestimmung in Gang setzte. Denn der Kampf um dieses Mitbestimmungs-Modell schweißt zunächst einmal linke und rechte-Fraktionen in der Organisation zusammen und deckt die internen Querelen der vergangenen drei Jahre mit dem Mäntelchen der Solidarität zu.

Weit weniger geschlossen sind die gewerkschaftlichen Reihen allerdings, wenn es um die Mitbestimmung von 1976 geht. Häufig genug nämlich bereitet sie nicht nur den Organisationen, sondern auch den neuen Räten mehr Verdruß als Freude. Die loyale Zusammenarbeit, die die Richter in Karlsruhe im Frühjahr 1979 bei der Verkündung des Urteils zum Mitbestimmungsgesetz verordneten, steht nach den Erfahrungen der Gewerkschaften meist nur auf dem Papier. So macht sich "Genosse Frust" breit.

Es begann schon, so rekapitulierten die Experten, bevor das Gesetz überhaupt in Kraft trat. Rund fünfzig Unternehmen entzogen sich nach den Berechnungen des DGB schon vorsorglich dem Geltungsbereich, indem sie schlicht die Rechtsform änderten. Weitere hundert fielen am Stichtag nicht mehr unter die neuen Bestimmungen, weil ihre Mitarbeiterschar unter die gesetzte Grenze von 2000 Beschäftigten gerutscht war. Der Kuchen war erheblich kleiner geworden. Statt 600’bis 670 Firmen – so die ursprüngliche Rechnung des Gesetzgebers – blieben am Ende nur etwa 470 übrig.

In der zweiten Phase, klagen die Gewerkschaften, wurden dann Satzungen, Gesellschaftsverträge und Geschäftsordnungen den veränderten Verhältnissen angepaßt. Juristische Berater, Rechtsanwälte und Notare hatten Hochkonjunktur.

Doch richtig ging das Hickhack erst mit der ersten Sitzung des neuen Aufsichtsrates los. Man stritt um die Besetzung der Ausschüsse, die Verschwiegenheitspflicht oder die Wahl des Arbeitsdirektors. Die Gewerkschaften bemühten die bis dahin vom Mitbestimmungsstreit noch weitgehend unbehelligt gebliebenen Richter.