Kleist bläst in mich wie in eine alte Schweinsblase", notiert Franz Kafka 1911 auf eine Postkarte an Max Brod. Er überläßt es dem Adressaten, auszugrübeln, ob er sich wunderbar belebt oder zum Bersten bedrängt fühlt von der Prosa des preußischen Lieutenant a. D., der sich ein Jahrhundert zuvor mit 34 Jahren "die unerhörte Lust gewährt" hatte, sich und eine todkranke Freundin mit Pistolenschüssen aus der Welt zu befördern, in der ihm "nicht zu helfen war". Bestimmter klärt der achtzigjährige Thomas Mann die angloamerikanischen Leser von Kleists "stories" darüber auf, daß sie beides von den im Wortsinn "unerhörten Neuigkeiten" Kleists zu erwarten hätten: "Er weiß auf die Folter zu spannen – und es fertigzubringen, daß wir’s ihm danken."

Kleists Prosa hat nicht ihresgleichen. Und Kleist ist nicht der Mann, seine Leser mählich auf sich einzustimmen. Mit derselben Bestimmtheit, mit der er als junger Mensch die Feder führt, um für einen Freund einen "Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden" und für seine Braut einen Lebensplan zu verfassen, eröffnet er kaum zehn Jahre später seinen Lesern gleich in den ersten Sätzen den Vorfall, der das Leben seiner Helden aus seiner sicheren Bahn stößt. Eine Marquise von vortrefflichem Ruf bietet durch Zeitungen ihre Hand aus für den Mann, von dem sie unwissentlich schwanger wurde. Es braucht nur wenige Absätze, um von dem Brand einer Zitadelle, von der Erschießung einer Rotte von Soldaten, die sie mit Vergewaltigung bedrohten, und vom augenscheinlichen Tode des Offiziers zu erfahren, der sie mit seinem Degen rettete. Ein Erdstoß zertrümmert eine Stadt, schwemmt einen Fluß durch die Straßen und häuft Erschlagene, während er einen zum Tode Verurteilten am Selbstmord hindert. Ein fürchterlicher alter Neger organisiert im aufständischen St. Domingo nach der Ermordung seines Lebensretters die Liquidierung der Weißen. Die Pest führt einem wohlhabenden römischen Kaufmann einen Findling zu, der ihn alsbald um seinen eigenen Sohn bringt. Der Herzog Wilhelm von Breysach hat mit dem Kaiser seine Erbfolge günstig geregelt und liegt am Ende des ersten Absatzes tot, von einem Pfeil meuchlings getroffen. Tot ist am Ende des ersten Absatzes auch das Bettelweib, das ein Marchese in einem Schloß bei Löcarno vom Krankenlager hoch und hinter den Ofen treibt.

Dies sind wohlgemerkt erst die Anfänge, bei denen es noch vergleichsweise übersichtlich und geordnet zugeht. Doch es sind keineswegs Anfänge von der Art, die Erzähler und Drehbuchautoren lieben, um nach einer Fangszene gemächlich den Vorspann der Geschichte abzuwickeln. Kleist drängt, in unermüdlicher Einvernahme der Begleitumstände, die Geschicke seiner Personen vorwärts in den entstandenen Wirrwarr hinein. Er erlaubt weder ihnen noch dem Leser abschweifende Nebenhandlungen. Vielmehr übersteigt ein nächstes Ereignis alsbald das eben durchstandene und zerstört die Erwartung, die unverhofft Betroffenen oder auch ihre Peiniger möchten sich in der neuen Lage zurechtfinden.

Denen, die den Verstand nicht verlieren, steht Ungewöhnlicheres bevor. Sie erfahren Täuschungen und Zerreißproben ihrer Zuversicht in einem Grade, wie man sie jedem Mitmenschen, und selbst einem moralisch Verirrten, erspart sehen möchte. Satz vor Satz treibt Kleist den Fall der aus ihrer Bahn geworfenen Menschen voran, sammelt in Nebensätzen unentwegt Belege für die Unabweislichkeit ihres exzentrischen Verlaufs und versäumt nie, eine Kette von Instanzen bis zur höchsten: den Kaiser, den, Papst und die Öffentlichkeit, zumeist in Gestalt einer unermeßlichen Menschenmenge", zum Richtspruch über Gerechte und Ungerechte aufzubieten.

Soweit sind Kleists Erzählungen Kriminalgeschichten, und keine – keine! – spart mit Leichen auf dem Wege zur Gerechtigkeit. Wenn aber das Vergnügen, das wir an tragischen Gegenständen zu gewinnen vermögen, an der letztlichen, poetischen Gerechtigkeit hängt, mit der, in Abwägung von Tugend und Schuld, am Ende alle bedacht und noch die sterbenden Helden verklärt werden, dann ist von der Folter, die Kleist seinen Personen und seinen Lesern bereitet, noch gar nicht die Rede gewesen. Denn nicht nur seine Helden, auch die Instanzen, die sie richten: Eltern, Fürsten, selbst Liebende und erst recht die "unermeßlichen Menschenmengen" können irren und in Verblendung verharren bis zum mörderischen Exzeß. Mit eingezogen in die Selbsttäuschung, die jeden einzelnen bedroht, ist der Gesamtbestand der menschlichen Institutionen. Dies mit allen Registern eines "überreizten Entsetzens" aufzudecken, treibt Kleist immer neue Zwischenfälle und Irrtümer in seine Geschichten hinein, als schichte er sie eigens zu der Beweisführung auf, daß niemandem, und schließlich dem ganzen Weltgefüge nicht zu trauen sei.

Woher aber, bei diesem Talent zur schlimmstmöglichen Verunsicherung, gewinnen die Geschichten Kleists ihre strenge Fügung und seine Prosa ihren sonderbar gefaßten Ton?

"Der Boden wankte unter seinen Füßen, alle Wände des Gefängnisses rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Straße zu einzustürzen, und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des gegenüberstehenden Gebäudes verhinderte, durch eine zufällige Wölbung, die gänzliche Zubodenstreckung desselben." Es ist der allseitige Zusammensturz der Mauern, der von einem Erdstoß zum andern ein Gewölbe der Sicherheit schafft. Nach diesem Modell ist die ganze Erzählung "Das Erdbeben in Chili" gebaut. Die Wucht der Naturkatastrophe setzt die Liebenden und mit ihnen alle Überlebenden zu einem Leben frei, das Rousseau nicht glücklicher für die erste Menschenfamilie hätte ersinnen können. Dieselbe Natur, die alle ihre Elemente zur Zerstörung aufbot, birgt nun für eine Weile sicher dieses Menschenglück. Erst der zweiten Zerstörung, diesmal durch den Richtspruch der Kirche und die Henkerdienste einer "unermeßlichen Menschenmenge", fällt diese größere Menschenfamilie noch gründlicher zum Opfer. Doch unter dem Gewölbe blutiger Mordkeulen und Degen bleibt wieder ein Leben bewahrt: das Kind, das die Liebenden wider geistliches und weltliches Recht gezeugt hatten.