Von Manfred Sack

Einen Tag nach der Eröffnung, am vergangenen Sonnabend, sah man ihn durch sein Werk gehen. Man sah ihn mit Leuten, die ihn umdienerten, mit anderen, die ihn anhimmelten oder fragten, mit Photographen, die sich durch ein, zwei, drei Kameras vor der Brust als Clanmitglieder zu erkennen gaben. Eine regsame Brünette mit hohen Goldpumps schien sich sehr engagiert darum zu kümmern, daß es ihm gut und mit der Ausstellung in Ordnung gehe. Kurzum, es war unmöglich, ihn nicht zur Kenntnis zu nehmen, man muß ihn nennen: L. Fritz Gruber, einen Herrn von 72 Jahren, der sich, dem Alter und seinen Seitenhieben auf den Körper zum Trotz, nicht sehr von dem unterscheidet, den die Bilder vor zwanzig oder dreißig Jahren zeigen, nämlich einen feschen Kerl.

Er ertrug die Strapaze der Anwesenheit offensichtlich gelassen. Denn das hier ist sein Ereignis: die Photoausstellung der photokina, die es nun seit dreißig Jahren gibt. Sie ist auch sein Abschied vom freien Amt des künstlerischen Leiters dieser "Weltmesse", die in jeder Beziehung nirgendwo ihresgleichen hat, und er hat obendrein einen absoluten Höhepunkt erklommen. "Das imaginäre Photo-Museum", das er geduldig und insistierend zusammengebracht hat, ist einzig in seiner Art und nicht wiederholbar.

Von Anfang an hat die photokina ihre doppelte Bedeutung gepflegt: die eine als größte photographische Geschäftsveranstaltung der Erde, eine Fach- und Ordermesse und immer schon ein enormer Publikumserfolg; die andere als Ausstellung von Photos und Filmen. Keine Abteilung stellt da die andere in den Schatten, weil jede ihre eigenen Superlative hat, hier die knochenharten, da die feinen und verletzlichen. Die Messe feiert sich mit über tausend Ausstellern aus 32 Ländern, die Bilderschauen glänzen mit großen Namen.

Hier ist die Rede nun nicht von Photoapparaten und dem unendlichen Drum und Dran, das ihren Gebrauch ergänzt, nicht von technischen Neuheiten, ob sie epochemachend, umstürzlerisch oder wirklich notwendig sind oder eigentlich nicht, sondern davon, was mit ihrer Hilfe entsteht, vom eigentlichen Produkt des Metiers also, ja vom Sinn der ganzen Anstrengung: von der Photographie. Denn das ist doch das Besondere dieser zweiwöchigen, alle zwei Jahre arrangierten Veranstaltung: daß sie gleichzeitig die Werkzeuge und die Erzeugnisse, die durch sie möglich sind, daß sie die technischen Produkte und die mit ihnen hervorgebrachten künstlerischen (oder journalistischen, dokumentarischen, wissenschaftlichen, geschäftlichen, spielerischen) Produkte vor Augen führt.

Photographie als Photo-Graphik

Da wäre allein schon die Tat Ruhms genug, rechtzeitig und immer wieder in die mäzenatische Ader dieser Industrie gestochen zu haben. L. Fritz Gruber hat diese Chance indessen auch weidlich ausgenutzt, auf sehr subjektive, von ungewollten Gremien ziemlich unbeeinflußte Weise, aber eben auch mit sehr unterschiedlichen Erfolgen, das ist ganz klar. Er hat die sehbegierigen Leute, die auch diesmal wieder in hellen Scharen durch die Ausstellungen in der Kölner Kunsthalle strömen, schon maßlos überfüttert mit Bildern und mit Themen, die teils dürftig? teils Unentschieden und diffus waren oder zu gutmütig ausgewählt und verwirrend präsentiert. Einige seiner Ausstellungen waren freilich von allererster Güte, und so vermittelten sie, in welcher Art auch, Entdeckungen. Durch die photokina wurden blutjunge Talente aufgestöbert, die es mittlerweile längst zu außerordentlichen Ehren gebracht haben, und meist in den oft scheel angesehenen und nicht immer sehr intelligent gemachten Jugend- und Amateurwettbewerben. Durch die photokina wurden halb vergessene, schon in der Historie abgelegte alte Meister wieder ans Licht geholt und neuerlich, wenn nicht überhaupt erst wirklich entdeckt.