Ankara, im September

Ankara nahm den Armeeputsch auf wie andere Länder die Befreiung von einer Militärdiktatur. Erleichterte Mittelständler und Intellektuelle schraubten ihre Namensschilder wieder an die Türen, Reiche und Arme lockte die nächtliche Ausgangssperre vors Haus: in den eigenen Vorgarten, in den sie sich abends schon lange nicht mehr gewagt hatten. Mit dem Kriegsrecht über dem ganzen Land kehrte die Nachtruhe wieder, die seit Monaten von Bombendetonationen und Gewehrsalven unterbrochen worden war. Tagsüber zeigten sich weniger Armeestreifen als vor. dem Ausnahmezustand. Das türkische Militär präsentierte mit preußischer Präzision und höflicher Diskretion einen Putsch ohne Parallelen: die Machtergreifung als republikanische Bürgerinitiative.

Obwohl die Generäle die Verfassung außer Kraft setzten, versicherte selbst ein liberaler Musterschüler wie der Verfassungsexperte Aydin Yalçin im Gespräch: "Das ist ein Akt des nationalen Konsens. Ich erinnere mich an keinen Augenblick größerer Gemeinsamkeit in unserer jüngeren Geschichte." Und Turan Guenesch, der frühere Außenminister und Abgeordnete der Republikanischen Volkspartei, wollte die Militäraktion nicht einmal als Staatsstreich einstufen: "Es war kein Staat mehr da!" Den unversöhnlichen Führern von Regierung und Opposition, dem "rechten" Demirel und dem "linken" Efevit – die Generäle hätten beide lieber in eine Große Koalition gesteckt, als sie in die komfortable "Schutzhaft" an die Dardanellen zu komplimentieren – weinen auch liberale Intellektuelle nicht nach. "Die Politiker haben das Land zerstört", so lautet ihr Urteil.

Westliche Diplomaten zeigen offen Erleichterung und nahezu Schadenfreude über die Parlamentsauflösung. Und selbst der sowjetischen Botschaft haben die fünf Generäle unter Führung des alten Stabs- und neuen Staatschefs Kenan Evren wenigstens eine Sicherheitssorge genommen: Diskret hatten die Sowjets jüngst bei einem deutschen Diplomaten anfragen lassen, aus welcher Quelle denn der gute Stacheldraht stamme, mit dem die Vertreter Bonns am Boulevard Atatürk ihr Grundstück inzwischen gesichert haben.

Nach dem vorläufigen Ende des Bürgerkriegssyndroms, das die Militärs mit nächtlichen Blitzaktionen und Tausenden von Verhaftungen scheinbar mühelos beseitigten, wirken Ankara und die anderen Großstädte wie von einer unheilvollen Lähmung befreit. Doch können gerade Generäle mit politischen Feldschermethoden das tiefergehende, multiple Leiden der Türkei, bekämpfen die jährliche Inflationsrate von nahezu 100 Prozent, die Arbeitslosigkeit Von über 20 Prozent, die Geburtenflut und die Devisenebbe? Die tiefen Risse, die das ganze Land gefährden, sind durch den rechten und linken Terror, durch den neugeschürten islamischen Fanatismus, durch die Radikalisierung der Minderheiten und durch die Paralysierung der Parteien nur sichtbar gemacht worden.

Die Gegensätze zwischen dem chaotischen Frühkapitalismus der türkischen Ober- und Mittelschichten mit ihrer Westorientierung auf Pump und der feudalistischen Herrschaft der Großgrundbesitzer über verarmte Kleinbauernmassen im anatolischen Hinterland sind nicht entschärft worden. Diese Teilung können die Generäle mit republikanischer Gesinnung allein nicht zuschütten.

Zum Beispiel Ankara: Die nächtlichen Guerilla-Aktionen, die nur den Schlaf der oberen Schichten störten, terrorisierten und trafen vor allem die Bewohner der Gecekondus, der "in einer Nacht gebauten Behausungen". Das sind die endlos wachsenden Slums auf den Hügeln über der Stadt, mit denen die Heere der Abwanderer aus den verarmten Provinzen Anatoliens die Metropole belagern. Mehr als die Hälfte der offiziell zweieinhalb Millionen Einwohner Ankaras lebt in den Gecekondus. Der Bürgerkrieg zwischen rechts und links terrorisierte die Hütten bisher schlimmer als die großen Paläste der Banken am weltstädtischen Boulevard Atatürk.