Von Hans Gresmann

Wer ein Buch von Sebastian Haffner zur Hand, nimmt, weiß, daß dieser Autor immer gut für scharfsinnige Retrospektiven ist. Seine "Anmerkungen zu Hitler" (ZEIT Nr. 25 v. 16. 6. 1978) haben ganze Bibliotheken einer fleißigen und braven Aufarbeitungsliteratur zur Makulatur werden lassen. Und zum heutigen Preußenbild gehören notwendig auch die Reflexionen Sebastian Haffners. Jetzt brachte er, rechtzeitig vor der Wahl, einen schmalen, sehr bemerkenswerten Band unter die lesenden Leute:

Sebastian Haffner: "Überlegungen eines Wechselwählers"; Kindler Verlag, München 1980; 176 Seiten, 18,50 DM.

Der einprägsame und gewiß verlockende Titel führt ein wenig in die Irre. Denn die Idealgestalt des intelligenten, prüfenden, abwägenden Wechselwählers – nach Haffner die wichtigste Figur in einer funktionierenden Demokratie – geistert wahrhaftig nicht durch alle Seiten; sie wird nur innerhalb eines Teilaspektes behandelt und gerühmt.

Wollte man dieses Buch, das sich in Wahrheit aus drei Essays zusammensetzt, griffig vorstellen, dann durch diese beiden Hinweise: Es ist erstens ein gescheites und grundvernünftiges Plädoyer für die Demokratie, und es ist zweitens ein brillanter Abriß der jüngsten parlamentarischen Geschichte dieses Landes. Besonders hervorzuheben sind dabei die Passagen, die sich mit dem mühsamen Abschied der Deutschen von der Monarchie und ihrem unbeholfenen Eintritt in die Demokratie beschäftigen.

Haffner kann, was nur wenige Analytiker der Historie können, auch komplizierte Zusammenhänge auf den wesentlichen Kern reduzieren. Ein Beispiel: "In der konstitutionellen Monarchie waren Reichstag und Parlament sozusagen die Bremse im Auto gewesen. Nun sollte die Bremse plötzlich den Motor ersetzen, und das konnte sie natürlich nicht." Läßt sich die Tragödie der Weimarer Republik knapper und plastischer umschreiben?

Der Autor braucht, und das besticht immer wieder bei der Lektüre, kein pseudo-wissenschaftliches Wortgeklingel. Er ist nie geschwätzig, und wenn er analysiert, erzählt er zugleich. Wer seine Stimme kennt – und welcher Fernsehkunde würde sie wohl nicht kennen? –, glaubt ihn stets zu hören. Auch beim Schreiben bleibt er der Vortragende. Das ist ein Gewinn, auch sprachlich. Bezeichnend für Haffners Souveränität ist bei. einem Exkurs etwa der Hinweis: "Aber keine Angst, wir behalten den Faden in der Hand."