Es gibt Leute, die nennen ihre Tochter "Pillula", "Europa" oder "Jaswant Kaur" und wünschen sich für einen Sohn Namen wie "Winnetou", "Pepsi Cola", "Timpe" oder auch "Grammophon". Immer wieder stoßen Eltern, die ihrem Kind einen so ungewöhnlichen Namen geben wollen, auf Standesbeamte, die es ablehnen, einen solchen Namen zu beurkunden; immer öfter bestehen aber heute die Eltern auf ihrer Namenswahl – und mag sie noch so verrückt sein. Dann müssen Richter, entscheiden, und in einer ganzen Reihe von Prozessen haben sie inzwischen die Grenzen deutlicher gezogen.

Danach ist klar: Zwar sind Eltern bei der Wahl des Namens für ihr Kind grundsätzlich frei, doch muß ihre Wahl sich im Rahmen "der allgemeinen Sitte und Ordnung" halten. Vor allem muß der Name das Geschlecht des Kindes deutlich erkennen lassen. Man darf einen Jungen nicht Claudia, ein Mädchen nicht Oliver nennen. Auch "Andrea" – ein in Italien gebräuchlicher Männervorname – ist in Deutschland für einen Jungen nicht zulässig, weil er hier inzwischen ein beliebter Mädchenvorname geworden ist. Eine Ausnahme ist der Name "Maria", den man auch einem Sohn geben kann, wenn das Kind außerdem noch einen eindeutig männlichen Vornamen bekommt. Ausnahmen sind auch die in Norddeutschland üblichen, geschlechtsneutralen Vornamen wie "Helge", "Inger" oder "Gerrit".

Schwierig wird es, wenn Eltern ausländische Vornamen aussuchen, die bei uns unbekannt sind. Vornamen wie "Münnever", "Chandra Gupta" oder auch "Jawant Kaur", die aus dem Türkischen oder Indischen kommen, lehnten deutsche Standesbeamte rundweg ab. Der Bundesgerichtshof verhielt sich liberaler. Er entschied, daß ein im Ausland gebräuchlicher Name für ein deutsches Kind auch dann gewählt werden darf, wenn er hierzulande völlig unbekannt ist. Bleiben Zweifel hinsichtlich des Geschlechts, so ist der Name dennoch zulässig, wenn außerdem ein weiterer eindeutiger Vorname gewählt wird. Der Name "Aranya Marko", den eine Mutter für ihren Sohn aussuchte, ist also zulässig, wenn "Aranya" ein im Ausland gebräuchlicher Männervorname ist und das Geschlecht des Kindes durch den weiteren Namen Marko deutlich wird. "Münnever Erika" wäre danach ebenso möglich wie "Jaswant Kaur Elisabeth". Kürzlich ging das Hamburger Oberlandesgericht noch einen Schritt weiter: In Hamburg können Eltern ihrem Kind nicht nur im Ausland gebräuchliche, sondern auch völlig neue, selbsterfundene Vornamen geben, zum Beispiel "Timpe".

Die Grenze des elterlichen Namensgebungsrechts ist aber immer das Persönlichkeitsrecht des Kindes. Alberne oder groteske Vornamen, die dem Kind letztlich schaden, weil sie es bloßstellen oder lächerlich machen, sind unzulässig. Die Namen "Grammophon", "Pepsi Cola" oder "Pillula" sind deshalb mit Recht abgelehnt und vom Standesbeamten nicht eingetragen worden. Etwas unsicher ist die Grenze zwischen geschmacklosen (und daher unzulässigen) und bedenklichen (aber gerade noch zulässigen) Vornamen natürlich immer. Dann ist die persönliche und schwer nachprüfbare Meinung des Standesbeamten oder Richters letztlich ausschlaggebend. Ob er Namen wie "Energia", "Traktoria" oder "Elektron" durchgehen läßt, weil sie in der Sowjetunion gelegentlich verwendet werden, oder als geschmacklos verwirft, kann man deshalb schwer voraussagen. Ob "Rasputin", "Pan", "Che" oder "Napoleon" geduldet wird oder nicht, ist ebenfalls Glücksache.

Fraglich ist derzeit auch, wie viele Vornamen man einem Kind geben darf. Das Beispiel großer Adelsfamilien, die ihren Kindern seit jeher lange, aus den Vornamen der Ahnen geflochtene Namensketten zudiktierten, stößt bei manchen Standesbeamten ebenso auf Bedenken, wie der Versuch eines Fußballfans, seinem Sohn alle elf Vornamen seiner Lieblingsmannschaft zu geben.

Zur Zeit geht der richterliche Streit um die magische Zahl Sieben. Das Amtsgericht Hamburg hält sieben Vornamen für eine "nicht mehr tragbare Schrankenlosigkeit" und meint, vier, höchstens fünf seien das Maximum. Das Amtsgericht Berlin meint dagegen, es sei logisch nicht zu begründen, warum fünf Vornamen zulässig sein sollen, sieben dagegen nicht. Berliner Standesbeamte tragen deshalb auch widerspruchslos sieben und mehr Vornamen ein. Ebenso verfährt – mit Recht – die weitaus überwiegende Mehrzahl aller deutschen Standesbeamten. In der juristischen Literatur wird diese Praxis gebilligt. Solange nicht eine "exzessive Vielnamigkeit um sich greift", die für die Standesbeamten zu einer "unzumutbaren Mehrbelastung" führt, können Eltern ihrem Kind daher normalerweise so viele Vornamen geben, wie sie wollen.

Eva Marie von Münch