Von Hansjakob Stehle

Nun sind wir Polen.sagte der Mainzer Kardinal Volk letzte Woche im Dom von Breslau. Wer wollte, konnte dies als selbstverständliche Hinnahme einer Realität deuten, mit der es die katholischen Bischöfe der Bundesrepublik immer schwer hatten. Während ihrer fünftägigen Pilgerreise, mit der sie den Besuch ihrer polnischen Amtsbrüder vom Herbst 1978 erwiderten, blieb Volks beiläufige Formulierung der einzige Hinweis auf eine Einsicht, die sie und ihre Sprecher. sonst nur hinter vorgehaltener Hand preisgeben: Polens neue Grenze sei doch vom deutschen Episkopat schon 1972 "indirekt anerkannt" worden, als er die vom Vatikan verfügte Bildung der neuen Diözesen jenseits von Oder und Neiße hingenommen habe.

Freilich, an der Vernunft der deutschen Bischöfe oder gar an ihrem Gehorsam gegenüber Rom hatte der polnische Episkopat nie gezweifelt. Gehofft aber hatte er auf ihren Bekennermut in einer Sache, die für Polens Kirche stets eine zugleich nationale, religiöse und menschliche Existenzfrage war – und damit eine seelsorgliche Notwendigkeit. Für die deutschen Oberhirten aber blieb sie immer nur ein heißes politisches Eisen. Zwar faßt die deutsche Bischofskonferenz solche heißen Eisen zuweilen gar nicht zimperlich an – etwa in Wahlhirtenbriefen, doch dann soll es nur der einen Seite zugute kommen, der traditionell die eigenen Sympathien gehören. Sozialdemokraten und Liberale aber waren es, die 1970 mit dem Warschauer Vertrag den Polen jenen Grad von Grenzsicherheit gaben, der seitdem die Schritte der Annäherung erst ermöglicht hat – auch diese deutsche Bischofsreise an die Weichsel.

War es so abwegig, daß im Vorfeld dieses Besuchs die Frage auftauchte, ob jetzt, 15 Jahre nachdem die polnischen Bischöfe mit ihrem Versöhnungsbrief zum erstenmal darum gebeten hatten, und zehn Jahre nachdem die Regierungen in Bonn und Warschau die Grenzfrage entschärft haben, auch die deutschen Bischöfe endlich der Oder-Neiße-Grenze ihren "Segen" geben wollten? Gewiß, eine politische Realität kann kirchliche Billigung entbehren. Umgekehrt muß sich die Beziehung zweier Kirchen nicht an einem bestimmten politischen Testfall bewähren. Vieles versöhnt und vereint sie von Natur, zumal in einer Weltkirche wie der katholischen und in einer pastoralen Lage wie der europäischen, wo man, von westlichem wie östlichem Säkularismus und Materialismus bedroht, ein heiles christliches Europa von gestern (wenn es dies je gab) für eine schönere Zukunft konservieren möchte. Die polnischen Oberhirten haben inzwischen gelernt, daß hinter deutscher Kirchlichkeit und Theologie kaum "reformatorischer" Sprengstoff steckt. Die deutschen Bischöfe haben die Augen vor Auschwitz, geöffnet; sie verstehen heute auch besser Polens Marienkult und seinen Rekatholisierungsstolz in einst "preußischen" Landen.

So hat sich in den letzten Jahren im deutschpolnischen Kirchenverhältnis manches harmonisiert und nun auch, die Atmosphäre des deutschen Bischofsbesuchs in Polen geprägt. Die Rücksicht auf die aktuelle gespannte innenpolitische Lage Polens bot sogar eine bequeme Rechtfertigung für das, was sonst nur als fataler Rest jahrzehntelanger Verkrampfung erschienen wäre: den ängstlichen Verzicht auf alles, was als politischer Akzent zu deuten gewesen wäre.

Ganz war solch ein politischer Akzent dann doch nicht zu vermeiden – dies lag an der leidigen Grenzfrage. Schon im Dezember letzten Jahres hatte sie der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Maier, hervorgezogen, indem er als bayerischer Kultusminister gegen die deutsch-polnischen Schulbuch-Empfehlungen zur Oder-Neiße-Grenze auftrat und auf den Friedensvertragsvorbehalt pochte. Kardinal Wyszynski äußerte öffentlich und privat sein Befremden; emsige Versuche beider Seiten, das zerbrochene Porzellan zu kitten, verhinderten nicht, daß polnische Bischöfe und Laien ihre Teilnahme am Berliner Katholikentag absagten. Nun erst stellte sich die Frage, ob es zum deutschen Bischofsbesuch in Polen kommen konnte, ohne ein klärendes Wort der Amtskirche.

Boten beider Seiten pendelten zwischen Warschau, Bonn und Rom; mancherlei Formeln wurden hin- und hergewendet. Selbst der 85jährige Heinrich Krone, Mitbegründer der CDU, wurde bemüht, um den Geist Adenauers zu beschwören. Generalsekretär Kronenberg vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken testete dann am 10. August im Südwestfunk eine gewundene Formulierung: "Man müsse alles tun, um die Polen zu überzeugen, daß ein Friedensvertrag mit einem wiedervereinigten Deutschland in ihrem eigenen Interesse" läge; bis dahin sei zur Oder-Neiße-Grenze nur eine Zustimmung möglich – "wie sie im Warschauer Vertrag erfolgt ist". Also doch? Am 12. August fügte Kronenberg hinzu, dieser Vorbehalt habe nur "rechtliche Bedeutung", eine tatsächliche Restauration der Grenze von 1937 wäre "abwegig".