„Soft Gulag“, Roman von Yves Velan. Der Roman, der an Orwell und Huxley anknüpft, spielt im Jahre 1984. Seine Ausgangsidee: Die Auslosung des Paars, das ein Kind zeugen darf – direkt im Fernsehen, in Spots und Spiele verpackt. Ad und Ev, mit 1 : 700 in die Fortpflanzungslotterie gegangen, „gewinnen“. Wie alle Bürger der „Union“ sind sie durch eine moralische. materiell bezifferbare Schuld an den Staat gebunden – durch den Verkauf ihres Geburtsrechts können sie diese vermindern. Die Stärken von Velans Fiktion liegen in der subtilen Beschreibung des heimlichen, des sanften Gulags, des „Soft Gulag“. Das Zivilisation gewordene Paradies. Der dritte Sektor hat endgültig die Macht übernommen, die elektronisch gesteuerte Verwaltung des Individuums ist total(itär). Die wertfreie Wissenschaft ersetzt gleichzeitig Politik, Religion, Literatur und Geschichte. Die Menschheit hat ihre dringlichsten Probleme in den Griff bekommen (Wasser- und Energieverbrauch werden progressiv taxiert). Die Porträts überzeugen dann nicht mehr ganz: Ad und Ev bleiben Stereotypen ohne Individualpsychologie und Widerstandskräfte – aber vielleicht sind diese Menschenskizzen ebenso wie die banalen Gespräche, an denen das Buch krankt, als Ausblick auf das Leben in der schönen neuen Welt zu lesen. (Aus dem Französischen von Dres Balmer; Verlag Benziger, Köln, 1980; 184 S., 16,50 DM.)

Jürg Altwegg