Er war kein Kulturpessimist – aber ein Satz, geschrieben in der Süddeutschen Zeitung, seiner journalistischen Heimat, im Jahre zehn des Wiederaufbaus auch des kulturellen Lebens, nahm unsere heutige Skepsis vorweg: "Was wir mit Bekümmern feststellen, ist ihr (der musikalischen Meisterwerke) geistloser Verschleiß in einem Massenkonsum, der sich noch auftrumpfend als Hüter ‚wahrer‘ Werte aufspielt..."

Er war kein eifernder Prophet oder Parteigänger, aber ein Satz, geschrieben im Jahre zehn des nicht mehr entarteten Komponierens, nahm unseren heutigen Argwohn vorweg: "Ob man ‚seriell‘ komponiert oder nicht, ist allein eine Frage der Substanz, die in Tönen geprägt werden soll; die um jeden Preis nach seriellen Rezepten schreibenden Compositeurs sind es, welche die moderne Musik diskreditieren und ihren Gegnern die bequemsten Argumente in die Hände spielen..."

Er war kein Verächter kulinarischer Genüsse, aber ein Satz, geschrieben zu einer Zeit, da das "Musiktheater" sich von der "Oper" zu distanzieren begann, nahm unsere heutige Resignation vorweg: "Sollte die Oper in einer illusionären Welt etabliert bleiben als eine rings vom ‚wissenden‘ Theater umschlossene Insel verlockender Genüßlichkeit hinter der Sperrmauer der Musik? Sollte allein die Tatsache, daß in der Oper der Mensch, von Instrumentalklängen getragen, singt statt zu sprechen, genügen, das sonst allenthalben so wache, vielleicht bis zur Schmerzlichkeit wache Theaterbewußtsein einzuschläfern?"

Wir, die um eine Generation Jüngeren, haben von ihm wesentliche Kriterien unserer Arbeit gelernt: zu beachten, daß unser kritischer Journalismus nur auf dem Wissen und nicht auf dem Glauben, auf der Information und nicht auf dem Bekenntnis zu stehen vermag; daß Vertrauen auf das eigene Ohr und die Erinnerung gut, die Kontrolle des Gehörten und der Euphorie eines Abends besser ist; daß schmückende Adjektive zwar für die Lyrik, nicht aber zur Beschreibung eines Kunstwerkes taugen, das sich in Zeit und Raum, in der nahezu unfaßbar-flüchtigen Wahrnehmung ereignet; daß wir weniger für die schreiben, die selber dabei waren und nur die Bestätigung erwarten, als vielmehr für jene, die, interessiert, aber fernab lebend, begierig sind zu erfahren, was sich da zutrug; daß leidenschaftliches Engagement eine gefährliche und gefährdete Nähe besitzt zu sich ereiferndem Parteigängertum, zu blindwütigem Machiavellismus, zu radikalem Kahlschlag.

Als Karl Heinrich Ruppel in der vergangenen Woche, wenige Tage nach seinem achtzigsten Geburtstag, starb, verlor die Musik jemanden, der ihr "in Liebe, Bewunderung und Treue" verbunden war – mit Emotionen also, auf die diese emotionalste aller Künste gerade in den letzten Jahren mehr und mehr zu verzichten hat lernen müssen. Heinz Josef Herbort