Von Thomas v. Randow

Der milchgesichtige Volksarmist fragt, ob ich Zeitungen mitführe. Er ahnt nicht, welche Freude er mir damit macht. Ich gebe ihm eine Zeitung, er entfaltet sie und fragt verdutzt: "Das Neue Deutschland Er liest das Datum von gestern und will wissen, woher ich die Zeitung habe. "Die habe ich gekauft", sage ich. "Bei Ihnen drüben?", fragt der Soldat. "Selbstverständlich", sage ich, "gibt’s denn die bei Ihnen nicht?" Das verwirrt den Jüngling: "Natürlich, aber in der Beärded..."

Ich darf zur nächsten Kontrolle weiterfahren. Im Rückspiegel sehe ich, wie er mit einem Kameraden spricht, wobei er auf mein Auto zeigt.

Gleich hinter der Grenze erteilt die Volkspolizei bundesdeutschen Autofahrern eine Lehre: Das Schild 40 meint vierzig Stundenkilometer und nicht einen mehr. Geographisch bin ich in Sachsen, geistig in Preußen – nie habe ich hier einen Fußgänger bei Rot eine verkehrsfreie Straße überqueren sehen, stumm werden Anweisungen befolgt, ganz gleich, wer sie gibt, ob ein Polizist oder ein Kellner. Gehorsam ist die erste Bürgerpflicht.

Dresden bietet sich als Labyrinth dar. Der dicke Schutzmann, der mir hilft, den Weg zu finden, sagt: "Von der Beärdee sind Se, nu", und nach einer Pause, "man mecht ja auch mal nach driben; na denn gute Fahrt." Vopos sind auch. Menschen.

Die Stadt ist dunkelgrau trotz der vielen Bäume in den Straßen. Die alten Häuser verfallen. Es scheint niemanden zu kümmern. Hell ist die Prager Straße, eine von Betonklötzen gerahmte Fußgängerzone mit gepflegten Blumenbeeten, Springbrunnen und Läden. Hier stehen die Interhotels, neu erbaut und schon ein wenig baufällig. Ströme von Menschen ziehen über den Platz, die meisten Leute scheinen es eilig zu haben.

Zwei Tage habe ich Zeit für den Zwinger mit seinen vorbildlich gehängten Bildern alter Meister, für das Albertinum mit dem grünen Gewölbe und der neuen Malerei. Zeit zum Schlendern – warum es wohl keine Kneipen gibt? Dann beginnt die Kur, der Zweck meiner Reise.