Der Tod dieses großen Gelehrten, für den die Grenzbeschränkungen der Universitäts-Bürokratie auf den "Fachbereich" Germanistik lächerlich wirken, erinnert an den eines anderen literarischen Grenzgängers und Wegbereiter deutscher Kultur in einem Nachbarland: War der dänische Schriftsteller Herman Bang, ein Mittler zwischen Deutschland und unserem nächsten nördlichen Nachbarn, 1912 während einer Vortragsreise in Amerika bewußtlos im Schlafwagen gefunden worden, so entdeckten Beamte der französischen Staatsbahn in Cannes am 10. September eine der großen Gestalten der deutsch-französischen Gelehrtenrepublik tot im Abteil. Auf dem Weg in den Urlaub nach Südfrankreich ist Robert Minder einem Herzinfarkt erlegen.

Wasselnheim hieß der elsässische Ort, in dem Minder 1902 geboren wurde. Unsere Nachbarn im Westen sprachen den Namen dieses Ortes so aus, wie er nach den Kriegen dieses Jahrhunderts immer wieder hieß: Wasselonne. Ein dickschädeliger Elsässer – auch das konnte dieser kleine, fast zierliche Mann mit der hohen Kinderstimme sein. Aber er hat seine Herkunft aus einem politisch umstrittenen Landstrich zwischen zwei europäischen Großmächten von Anfang an verstanden als Lebens-Chance: Minder, der bei seinem elsässischen Landsmann Albert Schweitzer noch Klavierunterricht genommen hatte, war in der deutschen Kultur ebenso zu Haus wie in der von französischer Literatur, Philosophie, Zivilisation.

Wenn er ein Buch schrieb über "Das Bild des Pfarrhauses in der deutschen Literatur", dann wurde das kein Andachtsbuch für Pastoren im Ruhestand, sondern eine kritische Studie über die gesellschaftliche Bedeutung von Kindern aus Theologen-Familien für die deutsche Geistes- und Literaturgeschichte. Wenn er über seine französischen Landsleute und Schriftsteller-Kollegen nachdächte, ob Diderot oder Nerval, kam er mit alemannischem Tüftlersinn und germanischer Grüblersucht zu neuen Ergebnissen. Dieser bis in Erscheinung und Diktion dem noblen Jahrhundert der Aufklärung verpflichtete Gelehrte hatte 1936 seine Doktorarbeit über "Die religiöse Entwicklung von Karl Philipp Moritz", geschrieben, einem noch immer zu wenig bekannten Zeitgenossen Goethes (unter dem Titel "Glaube, Skepsis und Rationalismus" als Taschenbuch bei Suhrkamp 1974 wieder aufgelegt)

"Kultur und Literatur in Deutschland und Frankreich", "Dichter in der Gesellschaft", "Wozu Literatur?" – es genügt, die Titel (alle bei Suhrkamp oder Insel) dieses Germanisten, der ein Romanist war (und umgekehrt) zu zitieren, um eine Ahnung zu bekommen vom Lebenswerk Minders, der bis 1974 einen persönlichen Lehrstuhl für deutsche Literatur- und Kultur-Geschichte am "Collège de France" in Paris hatte. Das Besondere, heute fast schon Sensationelle all der Studien dieses pedantischen Schwärmers und begeistert-begeisternden Vermittlers oft entlegenster Informationen: Seine Aufsätze und Bücher sind mit Witz und Anmut geschrieben. Für die geistlose Faktenhuberei oder weitschweifige Schönrednerei der Branche hatte Minder nur Verachtung: "Früh übt sich im Nichtlesen und doch Darüberredenkönnen, was ein Literaturhistoriker werden will." Seine Forderung: Scheherazade sollte unsere Muse sein." Wer ihn als Redner erlebt, wer auch nur ein Buch von Minder gelesen hat, weiß, daß dieser Forscher mit der rhetorischen Begabung sich zu Recht auf die Erzählerin aus "Tausendundeiner Nacht" beruft.

Daß seine letzten Lebenstage verdunkelt waren durch juristische Auseinandersetzungen, soll nicht verschwiegen sein: Minder, der so viel für seinen deutschen Freund Alfred Döblin getan hat, und zu einer Zeit, da sich in Deutschland, auch nach dem Krieg, kaum jemand um diesen Erzähler kümmerte, wurde von Döblins Erben in entwürdigende Verleumdungsklagen verwickelt (ZEIT Nr. 42, vom 12. Oktober 1979).

Der Literaturwissenschaftler, der für seinesgleichen das Bild vom "Eisenbahnbeamten" gefunden hat, der "das Kursbuch und alle Anschlüsse" kennen, aber nicht auch "auf allen Stationen aussteigen" müsse, hat kurz vor der Reise in den Urlaub auf die Frage (der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), wie er sterben möchte, geantwortet: "Blitzrasch." Hoffentlich ist der Wunsch dieses großen literarischen "Eisenbahnr beamten" in einer Eisenbahn in Erfüllung gegangen – Rolf Michaelis