Herbert Wehner sah den sozialen Frieden in der Bundesrepublik bedroht. Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff fürchtete um den Bestand der sozial-liberalen Koalition. Spitzengewerkschafter wie Heinz Oskar Vetter und Eugen Loderer bemühten Vergleiche mit den Zuständen in der Weimarer Republik oder prangerten eine "arbeitnehmerfeindliche Grundhaltung" der Arbeitgeber an. Diese wiederum warnen vor einer Manipulation geltenden Rechts – an der sich aber sogar Franz Josef Strauß beteiligen will. Allen gemeinsam geht es um die Montan-Mitbestimmung, nach Ansicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes ein für die Arbeitnehmer "unverzichtbarer Fortschritt" und ein "Grundstein dieser Republik". Und daran haben nun nach Ansicht von DGB-Chef Vetter die "Stahlbarone" und der mit ihnen verbündete "Politgraf" Lambsdorff zu rütteln versucht.

Anlaß für diesen plötzlich aufgeflammten Streit ist die Absicht von Egon Overbeck, dem von ihm geführten Konzern eine neue Struktur zu geben. Die Mannesmann AG, die sich schon vor Jahren vom Stahl- zum Maschinenbauunternehmen entwickelt hat, erfüllt dann nicht mehr die Kriterien des Gesetzes über die Mitbestimmung in der Montanindustrie. Statt dessen würde Mannesmann ebenso wie die Großunternehmen aller anderen Wirtschaftszweige dem Mitbestimmungsgesetz von 1976 unterliegen.

Zwar entsenden auch hier Arbeitnehmer und Kapitalgeber gleich viele Vertreter in den Aufsichtsrat. Im Konfliktfall entscheidet aber nicht der "neutrale Mann", sondern der der Kapitalseite angehörende Vorsitzende des Aufsichtsrats mit seiner doppelten Stimme. Im Gegensatz zur Montan-Mitbestimmung gehört ein Leitender Angestellter zu den Arbeitnehmervertretern. Und nicht die Betriebsräte, sondern die Arbeitnehmer wählen ihre Vertreter im Aufsichtsrat,

Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die in diesem Fall direkt betroffene IG Metall kämpfen mit großer Erbitterung dafür, daß Mannesmann auch in Zukunft der Montan-Mitbestimmung unterliegt. Diese Auseinandersetzung, wird daher auch zu den großen Themen des IG-Metall-Kongresses in der kommenden Woche gehören. Nachdem in direkten Verhandlungen mit Mannesmann keine Lösung gefunden werden konnte, wollen die Metaller die Parteien für eine "Lex Mannesmann" gewinnen. Kein ehemaliges Montanunternehmen soll der für diese Branche geltenden besonderen Form der Mitbestimmung mehr entkommen können. Die Gewerkschaften drohen: "Wer die Montan-Mitbestimmung anfaßt, verbrennt sich die Finger."

Kurz vor der Wahl möchten vor allem die Parteien das nicht riskieren. Selbst die Freien Demokraten, die zunächst von Sondergesetzen nichts wissen wollten, zeigen inzwischen wachsendes Verständnis für die Wünsche Eugen Loderers,

Aber interessiert den Wähler das Thema Mitbestimmung eigentlich? Handeln die Gewerkschaften überhaupt im Sinne der Arbeitnehmer, wenn sie so massiv auftreten? Im Auftrag der ZEIT hat das Institut für Demoskopie Allensbach Arbeiter und Angestellte nach ihrer Meinung befragt.

Zunächst einmal zeigt sich, daß die Mitbestimmung unter den großen Themen dieses Wahlkampfes ganz unten rangiert. Nur 15 Prozent aller Arbeitnehmer zählen sie zu den wichtigen Fragen (Tabelle 1). Diese Einschätzung ändert sich auch nicht, wenn die Befragten auf einzelne