Von Kurt Becker

Der Bonner UN-Botschafter Rüdiger von Wechmar ist am Dienstag dieser Woche per Akklamation zum Präsidenten der Generalversammlung der Vereinten Nationen gewählt, worden. Zum ersten Male ein Deutscher – das läßt aufhorchen. Der Prestigezuwachs für die Bundesrepublik im Kreis der anderthalbhundert Mitgliedstaaten in den Vereinten Nationen ist ein ansehnlicher Gewinn. Er ist auch verdient: durch das kluge und maßvolle Auftreten der Bonner auf dem Weltforum, nicht zuletzt auch durch die Statur Wechmars, der im New: Yorker Glaspalast weithin im Rufe eines einfühlsamen und darum einflußreichen Diplomaten steht.

Gewiß darf man nicht außer acht lassen, wie wenig ein Präsident in der Generalversammlung die große Politik zu bewegen vermag. Was in diesem Falle zählt, ist indes die Anerkennung des soliden und hilfreichen Engagements der Bundesrepublik bei den Versuchen, weltpolitische Probleme zu lösen. Sonst hätte die westeuropäische Staatengruppe, mancherlei Widerständen zum Trotz, dem Bonner Kandidaten nicht den Rücken gestärkt.

Bonn war an dieser herausgehobenen Stellung in den Vereinten Nationen außerordentlich gelegen. Das liegt auf der Linie Hans-Dietrich Genschers, der in den Vereinten Nationen eine einzigartige Möglichkeit sieht, die westdeutsche Stellung, gegenüber der Dritten Welt zu festigen. Erst vor wenigen Tagen plädierte er in Berlin für eine stärkere Rolle der Bundesrepublik in der Weltpolitik, in erster Linie gegenüber den Entwicklungsländern. Die weltumspannenden Reiserouten des Bundesaußenministers haben diese neue Priorität ja seit langem vorangekündigt. Und wenn sich auch Helmut Schmidt in ganz der gleichen Weise nie äußert, so hat doch auch er immer wieder gesagt, die weltpolitische Mitverantwortung der Bundesrepublik für den Frieden sei enorm gestiegen – eine Entwicklung, der Bonn sich nicht entziehen könne. Im Grunde handelt es sich um zwei Seiten derselben Münze.

Vor anderthalb Jahrzehnten prägte der Kanzler Ludwig Erhard in einer spontanen Anwandlung das Wort: "Wir sind wieder wer." Das war viel zu hoch gegriffen. Aber die ebenfalls über ein Jahrzehnt alte Metapher von der Bundesrepublik, dem wirtschaftlichen Riesen und dem politischen Zwerg, stimmt so auch nicht mehr. Seit Mitte der siebziger Jahre haben sich die Proportionen verschoben. Zunächst war es vor allem die Beherrschung der Krisen in der Währungspolitik und der Weltwirtschaft durch den Bundeskanzler, die Bonn auf diesem Felde weltweiten Respekt eintrug und ihm im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten eine größere Eigenständigkeit sicherte – in einer Zeit, in der die Außen- und Sicherheitspolitik vornehmlich wirtschaftliche Substanz besaß und vorübergehend sogar die Verteidigungsprobleme verdrängte. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete der Londoner Wirtschaftsgipfel im Jahre 1977, der die Kanzlerthesen zur Stabilität übernahm.

Zugleich stärkte die Schrumpfung. der amerikanischen Weltmacht die Stellung Westeuropas, dessen Führung. Giscard und Schmidt gemeinsam ausübten, als Großbritannien sich den europäischen Imperativen völlig entzog. Auf dem Felde der Verteidigungspolitik entwickelte sich zugleich das westliche Bündnis in seinem Kern zu einem Sonderverhältnis zwischen Amerika und seinem wichtigsten militärischen Partner in Europa, der Bundesrepublik.

Diese Konstellation im Westen, dazu Bonns wirtschaftliches Gewicht, führten den Osten, vor allem auch die Sowjetunion, dazu, in der Bundesrepublik den wichtigsten europäischen Partner zu erblicken. Das Resultat dieser Entwicklung schlug sich am augenfälligsten in der gleichberechtigten Teilnahme Bonns an der Gipfelkonferenz in Guadeloupe im Januar 1979 nieder, wo die traditionelle Bedeutung der westlichen "Großen Drei" endete und durch eine Viererrunde mit dem Kanzler abgelöst wurde, ebenso jedoch in Schmidts vermittelnder Diplomatie in Richtung Moskau. Die Krisen im Iran und in Afghanistan haben die Grundzüge dieses Prozesses eher noch stärker ausgeprägt.