Cinque Terre ist der atemberaubendste Widerspruch, den ich kenne: schroffe Abweisung und freundliche Einladung, Einsamkeit und Geborgenheit, wild und verschlafen zugleich.

Cinque Terre (wörtlich: fünf Länder) ist der Name eines äußerst wehrsamen Landstriches an der ligurischen Küste zwischen Levante und La Spezia. Es ist benannt nach fünf verwegenen Dörfern dieser Region. Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosse erheben sich wie Adlerhorste über die zerklüftete Küste oder zwängen, sich in deren felsigen Nischen.

Dem Zugriff von außen haben sich die Dörfer bisher erfolgreich entzogen. Die Ausläufer der Apenninen, die hier bis ans Meer heranreichen, zwangen sogar die Autostrada, die ansonsten hartnäckig der italienischen Westküste folgt, zu einem großen Schlenker. So machen die meisten Italienurlauber, ja an der Autobahn zu kleben pflegen wie die Fliegen am Fliegenfänger, einen großen Bogen um dieses Paradies.

Um diese Urlauberscharen auch weiterhin abzuschrecken, sei sogleich vermerkt, daß die fünf kleinen Piratennester in keinem Katalog der großen Reiseveranstalter zu finden und nur auf eigene Faust zu erreichen sind..Die Strände, soweit vorhanden, sind klein, steinig, und das tiefe Wasser mit der starken Brandung ist nicht die Spur familienfreundlich.

Man spricht nicht deutsch, und auch Würstel mit Kraut wird man vergeblich auf den Speisekarten suchen. Von "verkehrsmäßiger Erschließung" kann zudem keine Rede sein: Zwei der fünf verschworenen Dörfer kann man bis heute auf dem Landweg nur zu Fuß oder mit der fast ausschließlich durch finstere Tunnel fahrenden Eisenbahn erreichen.

So haben alle fünf Orte bis heute ihre stolze Schönheit und ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt. Verwegen erheben sie sich auf Felsnasen und -sockeln, eng zusammengedrängt erwehren sich die alten Häuser der Brandung des oft bewegten Meeres, das sich tosend an den Klippen bricht. Die Fischer wuchten ihre großen, schweren Boote viele Treppenstufen hinauf auf die Piazza, um sie vor den Wogen zu schützen. Platz für einen Hafen gibt es nicht.

Wer dieses ursprüngliche Stückchen Italien kennenlernen will, muß es sich – im wahrsten Sinne des Wortes – schrittweise erobern. Feste Wanderschuhe dürfen im Reisegepäck nicht fehlen. Da wäre als erstes das kleine Riomaggiore, das südlichste der Cinque-Terre-Dörfer: eine italienische Idylle mit verwinkelten Gassen, in der Sonne dösenden Hunden, flatternder Wäsche und bunten Fischerbooten. Wir nahmen einen Espresso und lauschten dem Rauschen der Wellen. Langsam spürten wir, wie der Frieden und der Zauber, der über der ganzen Cinque Terre liegt, sich auch auf uns übertrug. Bis Manarola, dem nächsten Ort, ist es nur eine halbe Stunde Weg.