Polen erlebt tiefgreifende Veränderungen. Unabhängige Gewerkschaften werden gegründet, und die Partei muß sich um ihre Autorität sorgen.

Der neue Parteichef Stanislaw Kania bemüht sich im Augenblick intensiv um Rückhalt an der Parteibasis. Bei seiner Informationsreise in die Streikhochburgen Danzig, Gdingen und Kattowitz umwarb er Parteifunktionäre und Wirtschaftsexperten. Die Medien pflegen dieses Bild des Parteiführers, der den Dialog sucht.

Während Kania die Stimmung im Lande erkundete, reiste eine polnische Delegation unter der Führung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Jagielski in die Sowjetunion. Der erste Besuch polnischer Politiker nach den turbulenten Streikwochen wurde offiziell zu einem Treffen heruntergespielt, das Wirtschaftsproblemen gewidmet sei.

Während Polens Partei und Regierung versuchten, ihre Funktionsfähigkeit wiederzuerlangen, brachen im Lande immer wieder neue Streiks aus. Diese Anschlußstreiks wurden offiziell mit der Ungewißheit der Belegschaften erklärt, ob die mit den überbetrieblichen Streikkomitees geschlossenen Vereinbarungen allgemein und landesweit gültig seien. Die Ausstände richten sich offenbar jedoch gegen den Widerstand, den Betriebsleitungen und untere Parteiorgane an vielen Orten der Gründung unabhängiger Gewerkschaften entgegensetzen.

Die unerwünschte Konkurrenz etabliert sich mit großem Erfolg. Seeleute, Hafenarbeiter und Journalisten traten praktisch geschlossen aus der staatlichen Gewerkschaft aus. Die Berufsverbände des Krankenhauspersonals und der Volksschullehrer wollen neue Organe gründen. Auch an Hochschulen und bei den Bauern werden Ansprüche auf "authentische Vertretung" angemeldet.

Kania warnte inzwischen davor, durch Streiks "das Erreichte in Frage zu stellen". Es liege im Interesse der Arbeiter, den Reformprozeß der polnischen Gesellschaft in Ruhe anlaufen zu lassen.

Größte Sorge bereitet im Augenblick die Wirtschaftslage Pölerts: • die Streiks verursachten Produktionsausfälle von rund zwei Milliarden Mark;