Stuttgart

Der TV-Wahlkampf führt dazu, die Kamera als Ansprechpartner anzusehen, ins Allgemein-Unverbindliche auszuweichen, statt mit korrekten Aussagen aufzuwarten", schrieb letzte Woche die Stuttgarter Zeitung in einem ungewöhnlich kritischen Leitartikel über den Wahlkampf im deutschen Fernsehen. Die Politiker hätten in "bisher ungekannter Intensität das Fernsehen für ihre Zwecke eingespannt" und die "Journalisten ihre Mikrophone an die Wahlkämpfer abgetreten". Der Zuwachs an Politik im Fernsehen – so der resignative Kommentar des liberalen Blattes – bedeute keineswegs mehr Information. Vielmehr erstarre die "öffentliche Debatte in Werbesprüchen".

Doch als hätte die Stuttgarter Zeitung ihren eigenen Kommentar nicht zur Kenntnis genommen, wird die Redaktion an diesem Donnerstag die Kulisse für die dritte Sendung des Wahlkampf-TV-Spektakels "Bürger fragen – Politiker antworten" bieten. Im Möhringer Druckzentrum tritt Hans-Dietrich Genscher vor die Kameras des ZDF.

Die beiden vorausgegangenen Sendungen waren Flops. Zwar hatte sich Moderator Reinhard Appel in den Vorbesprechungen "Fragen mit Biß" gewünscht. Als aber Franz-Josef Strauß vor vierzehn Tagen die vierteilige Politshow eröffnete, konnte er sich der Gunst der Frager gewiß sein. Das Bielefelder Westfalen-Blatt empfindet sich als die "nördlichste CSU-Zeitung" der Bundesrepublik. Kritische Fragesteller wurden von vornherein aussortiert. Und auch Helmut Schmidt, der eine Woche später bei den Nürnberger Nachrichten ausgequetscht werden sollte, hatte vor den ZDF-Kameras ein leichtes Spiel.

Um ihrerseits nicht in den Verruf zu geraten, Hans-Dietrich Genscher bloß Stichworte für eine Selbstdarstellung vor einem handverlesenen Publikum zu liefern, entschied sich die Stuttgarter Zeitung letzte Woche für die Flucht nach vorn. In einer Beruhigungsglosse auf der Lokalseite versicherte sie ihren Lesern, daß die Teilnehmer bei der Genscher-Sendung nach dem "Zufallsprinzip" ausgewählt worden seien. Kritische Fragen seien durchaus "erwünscht".

Doch das stimmt nur zum Teil. Bei einer Vorbesprechung im Sommer konnte zunächst einmal die Betriebsratsvorsitzende Christa Krabbe nicht die gewünschte Hilfestellung leisten. Appel wollte, daß Arbeiter an der Sendung teilnehmen. Er suchte Fragen aus der "betrieblichen Wirklichkeit". Christa Krabbe klärte Appel auf: Dank der konzerninternen Zellteilung gehören dem Stuttgarter Zeitungsverlag gar keine Arbeiter mehr an.

Später ergab sich eine Ersatzlösung. Aus der zum Pressekonzern am Neckar gehörenden Firma "Moderne Satztechnik" sollten Mitarbeiter aus dem gewerblichen Bereich eingeladen werden. Die Auswahl überließ die Geschäftsleitung Abteilungsleiter Murschel, der aber prompt sich selbst und seine zuverlässigsten Schichtführer aussuchte. Der Betriebsrat der "Modernen Satztechnik" hingegen, der mehrfach sein Interesse an der Sendung bekundet hatte, wurde übergangen.