Die Mehrheit rechnet nicht mit dem Einzug in den Bundestag

Von Horst Bieber

Gelassenheit, "ökonomischer" Einsatz unserer Nerven", "energisch, aber entspannt" – so oder ähnlich beschreiben die Kandidaten und Wahlkämpfer die Seelenlage der "Grünen" vor dem 5. Oktober. Gelegentlich heißt es sogar "Durchhalten" oder "Lehrgeld zahlen", und wer immer beteuert, die junge Partei werde die Sperrhürde von fünf Prozent überspringen, beeilt sich hinzuzufügen, dazu brauche es natürlich etwas Glück oder günstige Umstände oder markante Fehler der anderen, der etablierten Parteien.

Im Bundesvorstand formuliert man sehr diplomatisch. Das "allgemeine Potential" der Grünen liege in der Bundesrepublik zur Zeit wohl realistisch bei 3,0 Prozent, optimistisch betrachtet bei 3,5 Prozent. Ein schlechter Wahlkampf könne einen Prozentpunkt kosten, eine gute Kampagne plus eineinhalb Punkte einbringen. Wie man es auch rechnet! Die Mehrheit der Grünen hat sich darauf eingestellt, daß sie das Ziel – diesmal noch – verfehlen wird. Die Siegeszuversicht von Bremen und Baden-Württemberg ist nach den enttäuschenden drei Prozent in Nordrhein-Westfalen einer nüchternen Beurteilung gewichen, allerdings nicht in Resignation umgeschlagen. Nur ein verschwindend kleiner Teil der rund 16 000 Mitglieder hat sofort das Handtuch geworfen; nur wenige der etwa 300 Kreisverbände haben sich geweigert, Direktkandidaten aufzustellen oder gar den Wahlkampf zu sabotieren. Man kämpft – locker und entspannt, "befreit vom Erwartungsdruck", sagt lachend eine Kandidatin, die in ihrem Wahlkreis ein Prozent als "großen Erfolg" bezeichnet.

Kein Zweifel – die Entkrampfung tut den Grünen gut. Etwas von dem alten Witz und der Lust an der intelligenten Provokation ist ihnen zurückgegeben; nicht die geplanten 350 Großveranstaltungen ("groß – das heißt 200 Zuhörer"), sondern die Gespräche, die reisenden Theater und Gruppen bestimmen ihre Werbearbeit. Die große Mobilisierung der Mitglieder bat gerade erst begonnen, und die für viele schmerzliche Einsicht, daß die grünen Ziele noch weithin unbekannt sind, ist in den politischen Imperativ umgewandelt worden, die Arbeit an der Basis habe Vorrang vor einem konventionellen Wahlkampf. "Die anderen werden hektisch, wir werden ruhig", erklärt ein norddeutscher Grüner ironisch, "wir sind eben doch die Alternative."

Alternative – dies Wort taucht immer häufiger in Reden und Plakaten auf. Gewitzt durch vier Landtagswahlkämpfe, in denen die Kandidaten allzuoft ihre Steckenpferde ritten oder aus ihrer persönlichen Betroffenheit ihr Individuell es Programm zimmerten, konzentriert man sich heute auf zwei große Bereiche, die sich mit "Kernkraft und ihre Folgen" und "Frieden, Abrüstung, Toleranz umschreiben lassen. Unter dem Dach dieser Oberbegriffe bleibt Raum genug für persönliche Aussage und Engagement. Der Kern der Grünen ist immer noch zu rigoros und radikal, um sich zu taktischer Anbiederung oder Stimmzettel-Mimikry herzugeben. Ganz im Gegenteil häufen sich die Klagen, daß die Beteiligung an Wahlen zu einem Mangel an überschaubaren Aktionen, an kleinen Erfolgserlebnissen, an einer Politik, "die man anfassen kann", geführt habe, der vor allem die Neulinge enttäusche, ja abstoße.

Lernen und üben